Als ich Ende September 1987 meine Studienzeit in Damaskus begann, lag das Massaker von Hama gerade fünf Jahre zurück. Der Aufstand der Muslimbruderschaft und anderer Gruppierungen wurde nach 27 Tagen Belagerung blutig zerschlagen. Hafez al-Assads Armee brachte Zehntausenden den Tod. Die meisten Opfer waren Zivilisten. Große Teile der Stadt Hama wurden in Schutt und Asche gelegt und schließlich dem Erdboden gleich gemacht.

Die Baath-Partei war seit der Machtübernahme Hafez al-Assad‘s in eine erbitterte Feindschaft mit der syrischen Muslimbruderschaft verwickelt. Diese Reformbewegung war ursprünglich eine Reaktion auf die Übermacht westlicher Selbstgerechtigkeit und Vorherrschaft im kolonialen 19. Jahrhundert und hatte ihre Wurzeln in Ägypten. Der militante Zweig dieser Bewegung war ideologisch durch den ägyptischen Theoretiker Sayyid Qutb geschult, dessen Idee der absoluten Souveränität Gottes mit einem Nationalstaat oder einer Demokratie westlicher Prägung unvereinbar war. Die syrische Muslimbruderschaft, 1937 gegründet, hatte durch die erfolgreiche schiitische Revolution im Iran 1979 neuen Auftrieb erhalten. Zur damaligen Zeit war der Machtkampf zwischen Schiiten und Sunniten noch kein großes Thema. Wenn es jedoch um die Alawiten ging, die in Syrien seit Hafez al-Assad an der Macht waren, so wurden sie von manchen ihrer religiösen Gegner als Abtrünnige oder sogar Ungläubige bezeichnet.

Die syrische Muslimbruderschaft rekrutierte sich aus der sunnitischen Elite, Landbesitzern, der Geistlichkeit, gewerkschaftlichen islamischen Interessenverbänden und jungen Städtern der Mittelschicht.  Sie gehörten zu den sozialen und wirtschaftlichen Verlierern des Umruchs, der in Syrien 1963 über einen Staatsstreich der Baathisten eingeleitet wurde. In Damaskus erzählte man mir damals, die Baathisten seien durch die Straßen gestürmt und hätten verhüllten Frauen den Schleier vom Gesicht gerissen und Männern die Bärte gestutzt. Aufgrund von Inflation, die 1979 bei 30% lag, Machtverlust und der Tatsache, dass die Baathisten der muslimischen Elite den Boden unter den Füßen entzogen, gab es in Syrien immer wieder Demonstrationen. Doch im Norden des Landes, also in Hama und in Aleppo, waren sie am heftigsten. Zwischen 1979 und 1980 verging schließlich kaum eine Woche ohne Anschläge auf Regierungseinrichtungen in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Und Assad‘s Sicherheitskräfte schlugen jedes mal mit voller Härte zurück und übten Vergeltung. In dem berüchtigten Gefängnis von Mezze wurden die politischen Gefangenen gefoltert und ermordet. Anfang 1980 veröffentlichten die Oppositionellen dann ein Manifest, in dem sie den Präsidenten aufforderten, sich an die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen zu halten. Es wurde zu einem Generalstreik gegen die „ungläubige“ alawitische Regierung aufgerufen. Für die Baathisten kam dieser Aufruf einer Kriegerklärung gleich. Wieder gab es ein längeres Hin und Her von Anschlägen und Vergeltungsmaßnahmen, bis Hafez al- Assad‘s Sicherheitskräfte im Februar 1982 in Hama ein geheimes Waffenlager entdeckten. Auf die brutalen Hausdurchsuchungen, die dann folgten, reagierten Hama‘s Oppositionelle mit besagtem Aufstand, der wie berichtet wird, schon lange geplant war. Über die Lautsprecher der Minarette der Stadt kam schließlich der Aufruf zum Dschihad.

Die genauen Ereignisse des Massakers von Hama sind bis heute nur unzureichend bekannt. Amnesty International, der israelische Geheimdienst, westliche Diplomaten, ein paar Journalisten wie der ehemalige Nahost Korrespondent der New York Times Thomas L. Friedman, haben das Massaker von Hama erst im Nachhinein analysiert. Denn für die Stadt herrschte zunächst ein totales Medien Blackout, kein Journalist durfte Hama betreten. Die Zahl der Opfer kann nur geschätzt werden. Sie schwankt stark, je nach  Berichterstattung liegt sie zwischen 5.000 und 40.000 Toten. Unter ihnen auch etwa 1000 Soldaten und Mitglieder des syrischen Geheimdienstes. Friedman, der Hama kurz nach dem Massaker von 1982 besucht hatte, berichtet, wie er mit seinem Fahrer aus dem Taxi steigt. Auf der Straße überfällt ihn eine Art Schwindelgefühl. Er beschreibt einen Zustand, bei dem er das Gefühl hat, auf schwankendem Boden zu stehen. Als er einen alten Mann, der vorbei kommt fragt: „Wo sind denn all die Häuser, die früher hier waren?“ Sagt dieser: „unter den Rädern eures Autos.“

„Und die Leute, die hier lebten?“ Wahrscheinlich auch unter den Rädern eueres Autos.“

Die Zeitschrift der Spiegel nannte das Ereignis damals Aufstand der „islamischen Gottesstreiter“, eine Gefahr für den „angeschlagenen Assad“ und schrieb:  „Im Norden des Landes steht die Armee gegen die eigenen Landsleute im Feld. Der Aufstand der sunnitischen Moslem-Milizen stellte das Regime von Präsident Assad vor die bisher schwerste Bedrohung.“ (Spiegel 22.02.1982)

Folgt man den Jahresberichten von Amnesty International, so gab es während der gesamten Regierungszeit Hafez al-Assads politische Gefangene aller Richtungen, darunter auch Kommunisten, Kurden, ehemalige Regierungsmitglieder und Studenten.  Noch im Jahresbericht von 1997 heißt es: „Hunderte wegen vermeintlicher Verbindungen zur verbotenen Moslembruderschaft (al-Ikhwan al-Muslimun) festgenommene Gefangene  blieben in verschiedenen Gefängnissen des Landes inhaftiert. Die meisten von ihnen waren seit Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre von der Außenwelt abgeschnitten an unbekannten Orten inhaftiert (siehe frühere Jahresberichte)“.

Nach den Aufständen in Hama herrschte Angst in Syrien. Die Geheimdienste taten ihr Übriges. Einige der Muslimbrüder versuchten Kompromisse einzugehen, viele flohen jedoch ins Exil. Im damals verfeindeten Irak waren syrische Islamisten willkommen, aber auch Dissidenten der Baath-Partei. Unter denen, die ins Exil gingen, befand sich auch ein Mann, der inzwischen als der Ideologe des Globalen Dschihad hohes Ansehen geniest, Abu Mus‘ab al-Suri (ein Aliasname der sich auf seine Herkunft als Syrer bezieht). Hauptthemen seiner Schriften sind westliche Vormachtstellung und Neokolonialismus.  Er verfasst aber auch Verhaltensregeln für den Dschihad und gibt Ratschläge für den Mudschaheddin. Abu Mus‘ab al-Suri lebte nach seiner Flucht aus Syrien lange in Europa bis er sich am Dschihad in Afghanistan beteiligte. Ähnlich wie al-Zarqawi, dem Mann, der den sogenannten Dschihadismus im Irak geprägt hat, und auf den sich bis heute der islamische Staat in Irak und Syrien beruft. Die Syrische Regierung hatte ihm nach seiner Flucht aus Afghanistan Ende 2001 Unterschlupf gewährt. Doch das war nur ein Schachzug im feindschaftlichen Klima der Staaten Syrien und Irak.

Die USA hat schließlich ein Kopfgeld von 5 Millionen Dollar auf Mus‘ab al-Suri Ergreifung ausgesetzt. So wurde er 2005 in Pakistan verhaftet und in ein geheimes Gefangenenlager auf der südpazifischen Insel Diego Garcia transferiert. Von dort aus schickte man ihn weiter in sein Heimatland Syrien. Es wird vermutet, dass er sich dort auch heute noch aufhält, als Gefangener an einem unbekannten Ort. Ihm wurde nie der Prozess gemacht. Sein Buch „A Call to a Global Islamic Resistance,“ ist ein umfangreiches theoretisches Grundlagenwerk zu einem modernen führerlosen Dschihad.

Der lange Widerstreit zwischen Muslimbruderschaft und Baathisten ist einer der Gründe für die heutige Eskalation in Syrien und Irak. Nach dem Massaker vom Februar 1982 in Hama dauerte es jedoch dreißig Jahre bis die sich islamische Opposition in Syrien wieder erhob. Sie nutzte die Aufbruchstimmg des „Arabischen Frühlings“ und die Demonstrationen gegen die Regierung von Beshar Al-Assad, dem Sohn und Nachfolger von Hafez al-Assad für ihre Belange. Bereits im Januar 2012 gab Abu Muhammad al-Jawlani die Gründung der Unterstützungsfront für das syrische Volk bekannt, der Jabhat al Nusra, einem Zweig der irakischen Al-Qaida. Jawlani ist ein Kampfname, der sich auf die von Israel besetzten Golanhöhen bezieht. Die Jabhat al Nusra besteht aus Männern, die einschlägige Erfahrungen im bewaffneten Kampf mitbringen – Afghanistan, Pakistan und Irak.

Als junge Studentin in Damaskus erfuhr ich von den Ereignissen in Hama nur wenig. Hama ist in meiner Erinnerung ein Ort, an dem der Überlandbus auf dem Weg von Damaskus nach Aleppo eine Pause einlegte. Es gab dort eine Bäckerei, in der sich die Reisenden mit frischen Sandwiches versorgten. Bei einer dieser Überlandfahrten habe ich die hölzernen Wasserschöpfräder am Orontes gesehen, für die Hama so berühmt ist. In meiner Erinnerung waren sie jedoch viel kleiner als ich sie mir vorgestellt hatte. Es ist ähnlich wie mit dem Eifelturm von Paris, wenn man ihn schließlich sieht, glaubt man ihn schon längst gesehen zu haben. Die Wasserräder von Hama erfüllen die Luft mit mit einer beständigen, träumerischen Musik, stand damals in einer Broschüre des syrischen Tourismusministeriums. An sprudelndes Wasser und schäumende Kaskaden kann ich mich dunkel erinnern. Ganz deutlich habe ich jedoch die Bäckerei an der Bushaltestelle vor Augen.  Ein etwa 12 jähriger Junge arbeitete dort. Er stand hinter einer der gläsernen Kuchentheken und verkaufte Torten für jede Gelegenheit, Hochzeiten, Geburtstage…darunter auch eine, auf der in schwungvollen lateinischen Sahnebuchstaben Sweat geschrieben stand. Wir fanden das damals lustig. Die meisten Syrer konnten nicht so gut Englisch. Manche sagten statt englisch einfach ausländisch. Syrien schien aus unserer Perspektive isoliert, zumindest gab es dort kaum Westeuropäer oder Nordamerikaner. Und viele Waren kamen aus China oder der DDR. Wie zum Beispiel Landmaschinen des VEB Kombinat Fortschritt.

Die Syrer sprachen nicht über die Aufstände von Hama und das Massaker. Das ist nicht verwunderlich, denn es gab damals überall Spitzel. Der allgegenwärtige Nachrichtendienst war für mich anfänglich etwas exotisches und aufregendes, bis ich mitbekam, dass Leute aus meiner Umgebung verschwanden, oft nur für kurze Zeit, und verhört und geschlagen wurden. Für Viele war das der Alltag, auch Taxifahrern zu misstrauen, sich nie von ihnen bis vor die Haustür fahren zu lassen und auf alle Fragen über die Herkunft mit Lügen zu antworten, gehörte dazu.  Dass Muchabarat Nachrichtendienst heißt lernten wir Studenten sehr schnell. Sobald wir Muchabarat sagen konnten und wussten was es bedeutete, sagten wir nicht mehr Nachrichtendienst, wir sagten Muchabarat. Für uns war es ein Wort, das wir mit Syrien verbanden. Die Menschen in Syrien misstrauten einander, zumindest was die Spitzeldienste betraf. Die Regierung machte keinen Hehl aus der Existenz des Geheimdienstes. Er war omnipräsent unter Hafez al-Assad. Es gab ein Radiohörspiel, das jede Woche gesendet wurde und Muchabarat hieß, wenn ich mich recht erinnere. Ich kannte zwei Amerikaner, Studenten wie ich, die sich früh morgens zum Schachspielen trafen und alte Partien von Karpov und Kasparov nachstellten, und diese Sendung sehr eifrig verfolgten, um ihr Arabisch zu verbessern. So sagten sie. Einer der beiden sah aus wie Rambo, wegen seiner ausgeprägten Muskeln. Er wirkte fast eckig, wenn er mit leicht angewinkelten Armen durch die Straßen von Damaskus lief. Sogar seine Kaumuskeln waren scharf umrissen. Da sich zur damaligen Zeit nur wenige Ausländer in Syrien aufhielten, fiel er auf. Woraus ihm jedoch kein Schaden erwuchs. Die syrische Familie in Bab Touma, der Altstadt von Damaskus, die ihm ein kleines Zimmer vermietet hatte, behandelte ihn wie einen lieben Verwandten. Stets stand eine Kanne heißen Tee für ihn bereit und es ging ihm offenbar gut. Aber er war auch immer freundlich und hilfsbereit, eine Art Übermensch. Denn er konnte ohne mit der Wimper zu zucken und ohne seine Persönlichkeit zu verändern eine Flasche Whiskey leer trinken. Heute würde ich sagen, er gehörte zu einer Spezialeinheit der US-Streitkräfte, vielleicht zur United States Joint Special Operations Command. Zeitlich würde es passen, sie wurde 1980 gegründet – für Terrorismus- Bekämpfung, Geiselbefreiung und militärischen Orts und Häuserkampf, bekannt durch die Eliminierung von Osama Bin Laden. Dieser junge Amerikaner also, dessen Name mir nicht mehr einfällt, so sehr ich auch meine Erinnerung bemühe, erzählte mir außerdem, dass er Spezialist im Bomben entschärfen sei und zudem Mathematiker. Aber er fand es absurd und witzig, dass ihn die Damaszener für einen CIA Mann hielten. Der Verdacht, für irgendeinen Geheimdienst der Welt zu arbeiten, war damals allgegenwärtig, jeder verdächtigte jeden. Europäer und Amerikaner waren entweder im Auftrag der CIA oder des Mossad unterwegs und die Syrer und Palästinenser arbeiteten möglicherweise auch in dieser Richtung, oder für den syrischen Geheimdienst oder leisteten Spitzeldienste neben ihrer  Arbeit als Taxifahrer. Insgesamt waren das alles nur Mutmaßungen. Das Massaker von Hama und die oppositionelle Muslimbruderschaft, war nicht unser Thema, wir Studenten hatten keine Ahnung was wirklich in Syrien los war. Viel später erfuhr ich, dass es in der nordsyrischen Stadt Hama schon 1925 zu Aufständen gegen die französische Mandatsmacht gekommen war und dann wieder 1964 zu Beginn der Baath-Herrschaft – Hama und auch Aleppo, als Schaltzentralen des Widerstands? Ein Teil meiner Familie kommt aus Aleppo, aber als Christen waren sie wohl der Assad Regierung eher zugeneigt, das galt auch für den irakischen Teil meiner Familie, die Baathisten schützten die Christen.  Ich wußte damals nicht, dass mit dem Aufstieg der Baath Partei, der mit einem Umsturz am 8. März 1963 begonnen hatte, die alten sunnitischen Eliten im Norden ihr Nachsehen hatten. Die  Muslimbruderschaft war zwar inzwischen verboten, so hörten wir, aber der Islam war in den 1980er Jahren als politische Bewegung in Syrien offenbar sowieso unpopulär auch bei den Palästinensern. Das war mein Eindruck, der sich als Denkfehler erwies.

Ich fragte meinen Cousin Nabil Hissen und seine Frau Zeina Junblat wie die Ereignisse von Syrien damals im Nachbarland Libanon aufgenommen wurden. Die beiden hatte ihre gesamte Jugend im libanesischen Bürgerkrieg verbracht. Die Machtpolitischen Konstellationen, ob lokal oder international, solange sie die Region betrafen, hatten ganz direkte Auswirkungen auf das Leben meiner Familie. Was die Ereignisse in Hama betrifft, so schrieb Nabil, dass im Libanon nur wenig darüber berichtet wurde und wenn, dann mit einiger Zeitverzögerung. 1982 sahen zudem die Menschen Beirut einer Invasion der Israelischen Armee entgegen, die im Juni desselben Jahres stattfand und naturgemäß die Aufmerksamkeit der Bevölkerung völlig in Anspruch nahm. Die  Kampfbereitschaft der syrischen Armee, die mit etwa 30.000 bis 40.000 Soldaten im Libanon vertreten war, löste sich Angesichts der Invasion der israelischen Armee schnell in Luft auf. Jede konzertierte Auseinandersetzung mit der israelischen Truppen wurde vermieden. Auf meine Frage nach dem Ursprung der Angst vor der CIA, sagte Nabil, dass die vermeintliche Bedrohung durch die Amerikaner bzw. ihre Einflussnahme im Nahen Osten auch von arabischer Seite politisch genutzt wurde, um von eigenen Defiziten abzulenken. Diese Sicht auf ausländische Interventionen wurde auch in Geschichtsbüchern thematisiert und gehörte generell zum Kanon des Erziehungssystems.  Sie beinhaltete die klare Aussage, dass alles Leiden von Israel ausging und viel mehr noch vom Kopf der Schlange, den Vereinigten Staaten, sowie England und Frankreich. Die Bürgerkriegsparteien versuchten dem Bild ihrer jeweils ausländischen Verbündeten gerecht zu werden und ähnlich wie heute in Syrien und Irak kämpften im libanesischen Bürgerkrieg mehrere tausend ausländische Kämpfer aus Irak, Libyen, Syrien und anderen Ländern, um ihre jeweiligen Milizen zu unterstützen. Die Bevölkerung machte ihrerseits für alles was schief oder sie finanziell belastete die USA  verantwortlich, das ging bis zu den erhöhten Preisen für Petersilie, einem Grundnahrungsmittel in der Levante und wichtiger Bestandteil kulturstiftender Gerichte wie Tabouleh. Stromausfall und Brotpreise waren Auswirkungen einer großen Konspiration gegen die Arabische Welt. Doch der Wunsch nach Demokratie und die Angst vor einem islamischen Staat, ließ einen großen Teil der Bevölkerung Sünden und Versagen der eigenen Regierungen ertragen. Zeina Junblat, Ehefrau meines Cousins Nabil und Angehörige einer einflussreichen Familie im Libanon, bestätigt diese Sicht auf die Ereignisse im Land während des Bürgerkriegs. Die Libanesen fühlten sich als Spielball der Großmächte, die sogar ihre neusten Waffen im Land testeten und über die verschiedenen Milizen einen Stellvertreter Krieg führten, schreibt sie. Die beiden großen Geheimdienste KGB und CIA waren aktiv. Eine Angelegenheit, die hin und wieder an die Oberfläche drang. Abu Al Reesh, übersetzt Vater der Feder, hielt sich damals im Umkreis der American University auf. Er war eigentlich immer da, schreibt Zeina. Viele Beiruti‘s können sich an ihn erinnern, man nannte ihn so, weil er einen Hut mit Federn trug, und hielt ihn für einen verrückten Obdachlosen. Er sprach jeden an, Autofahrer oder Fußgänger, er redete über alles Mögliche. Einmal schimpfte er mit Zeina, weil sie eine Zigarette rauchte, nahm sie ihr weg und warf sie auf die Straße. Nach der Invasion 1982 stellte sich heraus, dass der verrückte Federmann Hauptmann der israelischen Armee war.  Freunde von Zeina lebten im Süden des Landes und hatten seit zehn Jahren einen Gärtner beschäftigt. Und ausgerechnet dieser Gärtner warnte die Familie zwei Tage vor der israelischen Invasion und konnte sie schließlich dazu überreden nach Beirut zu fliehen, natürlich nicht ohne seine wahre Identität preiszugeben. Auch er war ein Undercover Lieutenant der Israelis. Zeina‘s Familie wurde häufig, gefragt ihre Beziehungen spielen zu lassen, um Geiseln freizubekommen. Zeina hebt immer wieder hervor, dass das System der Patronage, die Beziehungen der Libanesen bestimmt.

Aber das war auch im Nachbarland Syrien der Fall. Ende der Achtziger Jahre, war es mir nicht möglich mit einem deutschen Pass ohne weiteres von Syrien aus in den Libanon zu reisen. Mit Beziehungen, hätte ich es damals in Syrien sicher schaffen können, Vitamin W, wie man in Damaskus sagte. Der arabische Begriff Wasta bedeutet Vermittlung oder Fürsprache.

Aber 1987 richtete sich mein Hauptaugenmerk auf die Palästinenser und die Intifada, den Aufstand gegen die israelische Besatzungsmacht, der im Dezember diesen Jahres begann. Ein wichtiges Ereignis war die Überführung der Leiche des stellvertretenden PLO Chefs Abu Dschihad nach Damaskus im Jahr 1988.  Er galt als einer der Organisatoren dieser ersten Intifada. Nach seiner Vertreibung im Libanonkrieg 1982, hatte er sich in Tunis niedergelassen und wurde dort von einem israelischen Elitekommando ermordet. In einer großen Prozession nach Ende des Ramadan habe ich gemeinsam mit palästinensischen Freunden sein Grab auf dem Märtyrer-Friedhof besucht. Vanessa Redgrave war auch da, ich hatte sie erst gar nicht erkannt. Sie stand direkt auf dem frischen Erdhaufen, neben ihr wichtige PLO Vertreter. Mit erhobener Hand legte sie einen Treuschwur auf Abu Dschihad ab. Die Intifada nutzte auch die Hamas, die damals begann anderen säkularen Palästinenser-Organisationen den Rang abzulaufen.

Wir wussten dass Hafez al-Assad Alawit war, also zu einer religiösen Minderheit gehörte. Vor der Machtergreifung der Baath-Partei gehörten die meisten Alawiten eher der Unterschicht an, sie waren Bauern, die sich mühten, dem kargen Landstrich südlich von Latakia Erträge abzugewinnen. Wir wussten auch, dass Assad sich in erster Linie mit Leuten seines Klans umgab. Aufgrund der Armut der Mitglieder der alawitischen Gemeinschaft, sahen sich Viele gezwungen, zum Militär zu gehen, während andere sich freikaufen konnten. Ursprünglich waren die Baathisten eine nationale Bewegung, die sich für soziale Gerechtigkeit und Diplomatie einsetzte. Bis sie dann unter Assad zu einer Diktatur mutierte. 1970 und in den darauf folgenden Jahren erhielten immer mehr Alawiten Schlüsselpositionen im Militär, Sicherheitsdienst und in der Partei. Das hatte mehr mit Klan-Strukturen als etwa mit Sektierertum zu tun und verschaffte Assad politischen Rückhalt. Er berücksichtigte aber auch die Damaszener Händler -und Unternehmerschaft bei der Vergabe wichtiger Regierungsposten. Darüber hinaus legte er Wert darauf, sich hin und wieder als Muslim zu zeigen. An hohen islamischen Feiertagen betete er öffentlich an der Seite der sunnitischen Führungspersönlichkeiten. Die Syrer waren stets mit Korruption, Inflation und einer überbordenden Bürokratie konfrontiert. Allein für die Einschreibung an der Universität von Damaskus benötigten wir etwa zwanzig ausgefüllte Papierchen mit je einem Passfoto und entsprechenden Stempeln. Wenn man die Stadt verlassen wollte, musste man sich in einem Amt an und abmelden. Es war ein Amt, das gut in einen Lubitsch-Film gepasst hätte, immer gingen Türen auf und zu und man reichte seine Papiere ein, um ein Gekritzel von einem älteren Offizier zu erhalten, der gerade in ein Gespräch mit einem anderen Uniformierten verwickelt war. Dann rannte man Treppauf  Treppab zu anderen jüngeren Offizieren und so weiter, bis es irgendwann anfing Spaß zu machen. In der Regierungszeit von Beshar Al-Assad dem Sohn von Hafez al-Assad, fielen diese Auflagen auf einmal weg. Es gab viel weniger Uniformen und sogar das berüchtigte Gefängnis von Mezze wurde geschlossen.

An der Oberfläche sah damals alles gut aus in Damaskus. Wir konnten uns frei bewegen, Parties feiern, wir feierten jede Woche eine in unserem Haus, das wir von einem syrischen Christen gemietet hatten. Bei uns gingen viele Leute ein und aus, auch Leute, die wir nicht kannten. Syrien hatte starke Verbindungen zur Sowjet Union und zu anderen Bruderstaaten des Warschauer Pakts. Die Beziehungen zu Russland hält bis heute an. So waren wir mit Studenten aus Cuba, Senegal, Sudan, Sierra Leone, Tunesien, Mali und Vertretern der Polisario aus der West-Sahara befreundet. Wir wussten, dass wir unter Beobachtung standen, aber das war uns gleichgültig, wir waren der Meinung, dass wir nichts zu verbergen hätten. Mir wurde zwar damals von der Deutschen Botschaft nahegelegt, niemandem von meinen arabischen Wurzeln zu erzählen, da man mich dann als „eine von ihnen“ behandeln würde, was in den Augen des deutschen Kultur Attachees wohl nicht so gut war.  Ich wunderte mich über diese Warnung, war mir sicher, dass der Kultur Attachee keinerlei Erfahrung hatte. Ich sah ihn irgendwann in einem der beiden großen internationalen Hotels einsam am Tisch sitzen und ein europäisches Mittagessen essen. Wie viele Menschen aus dem Westen, die zum Teil für größere Firmen arbeiteten oder auch für die Botschaften hatte er kaum Kontakt zu den Einheimischen.

Die Muslimbruderschaft und andere islamische Kräfte wollten in Syrien den Islam als Staatsreligion implementieren. Hafez al-Assad bevorzugte eine säkulare Verfassung. Der große Konflikt ist immer noch nicht gelöst. Auch wenn Beshar al-Assad heute anders erscheint als sein Vater, ist das Land keine Demokratie. Eines ist mit Sicherheit richtig, die meisten Menschen, die ich in Syrien kennenlernte, auch die Palästinenser, die in Syrien leben, hielten sich bedeckt gegenüber Ausländern. Die CIA und die Wunden, die der westliche Imperialismus insgesamt hinterlassen hatte, spielen dabei eine wichtige Rolle, zum einem über das was tatsächlich passiert ist und zum anderen wie es von allen Seiten  propagandistisch ausgenutzt wurde.

Am 18. September 1947 wurde die CIA gegründet. Sie nutzt menschliche Intelligenz, also Einfühlungsvermögen und Gespür, um außerhalb der Vereinigten Staaten frühzeitig zu erkennen, was eine Bedrohung für die „Freie Welt“ sein könnte. Darüber hinaus hat die CIA die Aufgabe, die wirtschaftlichen Interessen der USA zu schützen. Miles Copeland, Trompeter und Arrangeur im Glenn Miller Orchester, wurde in diesem Jahr CIA Mitglied. Sein erstes Ziel war, die Völker des Nahen Ostens von korrupten autokratischen Eliten zu befreien und sie zur wahren Demokratie zu führen. Die Regierungen waren zwar gewählt, aber wie man meinte, unter wenig demokratischen Bedingungen. Die Gewinner wurden von ausländischer Mächte protegiert, oder es waren Feudalherren, die vorschrieben wen ihre Untergebenen zu wählen hatten. So sah es Copeland, der zwischen 1947 und 1949 in Damaskus tätig war. In in seinem Buch, „The Game of Nations“ (1970) erläutert er die Spielregeln der CIA im Nahen Osten: „Try to change those players who block your way“, lautete eine der Regeln. Und man wußte, verdeckte Operationen sind billiger als Krieg. Also brauchte man Regierungen, die smart genug waren, sich der Freien Welt anzuschließen, nicht den Kommunisten. In den folgenden Jahren gab es immer wieder von der CIA unterstützte Militärrevolten. Erst im Jahr 1954 wurde das parlamentarische System wiederhergestellt.  Miles Copeland blieb bei der CIA. 1953  war er an der Beseitigung des gewählten Präsidenten im Iran Mohammad Mossadegh beteiligt, der Operation Ajax. Danach wurde er Gamal Abdel Nassers Berater in Fragen der Einrichtung eines Geheimdienstes in Ägypten. Copeland half aus bei der Suez Krise und überwachte den Aufstieg von Saddam Hussein im Irak. Irgendwann begann er zu begreifen, dass die Amerikaner die Tür zu den „Dark Ages“ geöffnet hatten. In einem Interview im Jahre 1967 mit der BBC äußerte er sich, immer noch cool, über die Katastrophe die man in Syrien in Gang gesetzt hatte. Er sagt, diese Phase ist vorbei, es hat sich nicht ausgezahlt, es sei besser die Syrer und alle anderen ihrem Schicksal zu überlassen „let them stew in their own juice“. Die drei Söhne Miles Copelands sind übrigens wieder alle zur Musik zurück gekehrt, und seine Tochter widmet sich der Schriftstellerei. Der vielleicht bekannteste unter ihnen, Stewart Copeland, wurde Schlagzeuger und gründete die Band The Police.

Die westliche Intervention in die Geschicke Syriens reicht weit länger zurück. Die Einsicht alle ihrem Schicksal zu überlassen, kommt spät. Schon während des Weltkriegs hatten die Briten und Franzosen begonnen, das osmanische Reich unter sich aufzuteilen. Großbritannien hatte Interesse an den Erdölvorkommen Iraks und Frankreich wollte einen Zugang zur Mittelmeerküste. Im Juni 2014 wurden die Grenzwälle zwischen Irak und Syrien durch den IS zerstört. Die Dschihadisten verbuchen das als erheblichen Erfolg. Sie lehnen Nationalstaaten als „menschengemachte“ künstliche Trennung zwischen den Muslimen ab und sehen diese als eine Erfindung des Kolonialismus.

Die Frage ist, warum die vor fast 100 Jahren willkürlich kreierten Nationalstaaten überhaupt ein Zukunftsmodell für die Region sein sollen und ob sie andererseits tatsächlich durch den syrischen Bürgerkrieg gefährdet sind. Gemeint sind die Grenzziehungen nach dem geheimen Sykes-Picot Abkommen von 1916. Der kolonial geprägte Blick auf die Region des fruchtbaren Halbmonds, die durch das Sykes-Picot Abkommen getrennt wurde, ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen, hat sich bis heute, manchmal auf sehr subtile Art, erhalten. Anstatt klar geo-strategische und wirtschaftliche Interessen zu formulieren, wurden Staaten wie Syrien, die 1946 gerade erst ihre Unabhängigkeit erhalten hatten, zu einem Versuchslabor für die neue Weltmacht USA.  Als Nachfolger der britischen und französischen Kolonialisten, hatte die kleine neu gegründete Gruppe der CIA auch den Glauben geerbt, dass die Menschen in Syrien, Anleitung und Anstöße bräuchten, um den Weg zur Wahrheit zu finden, in diesem Falle zur echten Demokratie. Andere Denkkonzepte wurden durch einen Filter betrachtet, bei dem oft von einer sorgsam durchdachten Philosophie nur noch die Feindbilder „mittelalterlich, barbarisch, martialisch oder frauenfeindlich“ übrig bleiben.  Als junge Studentin in Berlin waren nur wenige Kommilitonen Islamophil. Niemand versuchte in den Suren des Koran auf alle Fragen eine Antwort zu finden. Es gab eine Frau, die sich die Fußsolen mit Henna rot färbte und so lange bunte Röcke trug. Die meisten anderen hatte ein paar romantische Motive zu diesem Studium geführt, aber der Versuch Arabisch zu lernen brachte sie ins Stolpern. Und dann wurde die Sache zäh. Wir lernten die alten Philosophen kennen, die arabische Dichtung, die große Zeit des Islam, besonders das 9. Jahrhundert und den Kalifen Harun ar-Raschid und später Ibn Chaldun. Das Wissen wurde auf eine langwierige und langweilige Art vermittelt. Dschamal ad-Din al-Afghani, der geistige Vater des Panislamismus und Verfechter der politischen Selbstbestimmung der Muslime im 19. Jahrhuntert, tauchte nur am Rande auf. Später in Damaskus fand ich ein Buch mit dem Titel die „Herrausforderung des Islam“ übersetzt aus dem amerikanischen, von 1965, da ist al-Afghani mehr als ein ganzes Kapitel gewidmet. In den 60iger Jahren begann man sich im Westen offenbar zu fragen, warum sich der Islam so stark ausbreitete und auch in Gebiete vordrang, die bisher noch nicht islamisiert worden sind, wie z.B. in Europa, Amerika und Afrika. Mit al-Afghani wird das sogenannte Erwachen der islamischen Staaten verbunden. Sein Kampf galt dem Kolonialismus. Er war ein politischer Aktivist, der auf Reisen durch die islamische Welt Vorträge hielt, in denen er versuchte, die politische Kraft des Islam zu propagieren. Al-Afghani starb 1897 in Istanbul, im Exil, zuletzt protegiert von Sultan Abd al-Hamid. Er wurde aus Ägypten verbannt, weil er absolutistische Herrschaftsformen ablehnte und den orientalischen Potentaten vorwarf, in Kooperation mit europäischen Mächten, den Islam zu verraten. Diese Ideen wirken bis heute nach auch bei den salafistischen Bewegungen. „In dem uns aufgedrängten Kampf gegen England…wird der Islam eine unserer wichtigsten Waffen werden“, schrieb der deutsche Privatgelehrte Max Freiherr von Oppenheim in seiner Denkschrift „die Revolutionierung der islamischen Gebiete unsere Feinde“ im Dezember 1914. Oppenheim, als Sohn des Bankhauses Sal. Oppenheim galt als Freund des Orients, manche nannten ihn den deutschen Laurence von Arabien. Er hat in Kairo gelebt und war durch Reisen und Selbststudium zum Kenner des Nahen Ostens geworden. Sein Wunsch war, „in den Geist des Islams einzudringen.“  Al-Afghani lieferte Oppenheim die intellektuelle Basis für eine religiös motivierte Revolutionierung. Die Muslime sollten sich gegen ihre französischen, englischen und Russischen Kolonialherren erheben, so lautete der Kern seiner Denkschrift, die er aufgrund seiner Erfahrungen im Nahen Osten verfasste.

Oppenheim war überzeugt davon, der gesamte Orient sei besessen von dem Wunsch, das Land von den ungläubigen Besatzern zu befreien. Die Briten, die über ein fünftel der gesamten Menschheit regierten, hatten schon damals Angst von den eigenen Dienstboten im Schlaf  massakriert zu werden.

Im November rief der Schaich-ul-Islam in Istanbul den Dschihad aus. Dschihad ist ohne Zweifel ein koranischer Begriff. Der militärische Dschihad war ein Gebot der Zeit des Propheten, ohne ihn hätte der Islam sich nicht überleben können.

Erst im 19. Jahrhundert wurde er wieder aus der Kiste geholt. Es war ein Appell an die 300 Millionen Muslime weltweit, die zum großen Teil unter Fremdherrschaft der Kolonialmächte lebten. Die meisten der abgelegenen Regionen des osmanischen Reichs waren zunehmend, wenn auch nicht ganz offiziell in die Hände der britischen und französischen Imperialisten übergegangen.

Max von Oppenheims Revolutionierungsideen blieben weitgehend im Konzeptionellen stecken. Dennoch ist es eine Strategie die sich durch die Weltgeschichte zieht. Man denke an die verdeckten Operationen der CIA in den 50iger Jahren, als es noch hieß, „hier und da einen diskreten Schubs“ geben.

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