Zweiter Teil

Wenn die Gegenwart nichts besseres zu bieten hat wird man nostalgisch.

Die Leute spüren hier mehr sagt Ariadne. Ist das so? Ich stelle meine Sinne an, ein oder um. Hatte ich das nicht schon getan? Nein nicht bewußt. Ich wollte flüchten, raus aus Berlin weiter nach Charlottenburg und jetzt bin ich hier, in Kairo. Nicht nur den Ort wechseln, sondern die Blickrichtung. Vielleicht gibt es ein paar neue Einsichten. Oder ich finde ein paar verlorene, die auf der Strecke geblieben sind. Wo fange ich an? Mode ist überall und mehr. Die Frauen seien süchtig nach Zara lese ich in der Zeitung. Wozu diese Flut von Dingen und Bildern? Ich bin süchtig nach Einsichten, so wie die Frauen nach Zara und dem Zauber der Bekleidungsindustrie. Tragisch. Was wäre, wenn Kleidung nichts kosten würde? Oder wenn man die Kleider solange am Körper tragen würde, bis sie völlig verzotteln und ihren Zweck nicht mehr erfüllen?

Als ich die alten Häuser von Down Town Kairo mit meinen Augen besuche, spüre auch ich etwas – diese Gleichgültigkeit der Zeit. Die meisten Geschäfte werden nach der Mode immer wieder neu gestaltet, während das Gemäuer drumherum zerfällt. Schade um den alten Prunk, aber schön, die damit gegebene Gewissheit, dass keine weltliche Macht und nichts auf der Welt ewig hält. Vergänglichkeit ist also schön und gleichgültig zu gleich.

Nein ich zerfalle nicht. Ich spaziere durch diese eine bestimmte Straße in Kairo, nach dreißig Jahren Absenz und werde an Menschen erinnert, denen ich heute genauso wenig bedeute, wie sie mir. Wahrscheinlich. Fast angestrengt bin auf der Suche nach etwas, das ich wieder erleben möchte, so süchtig nach diesem Schauer der Erinnerung. Anekdoten habe ich schon genug. Ich will jetzt eine ganz neue Erinnerung, die einfach so auftaucht als ein Gegenstand, ein Geruch, ein Mensch, ein Tier, vielleicht auch ein Lied und mir eine ganze Geschichte erzählt.

Ich lag mehrere Tage auf dem Bett in der Pension Oxford in der Talaat Harb Straße. Ich war krank. Ich weiß nicht ob und was ich trank, oder was mich am Leben hielt. Sicher etwas aus der Kühltruhe des alten griechischen Hoteliers. Cola? Das kann nicht alles gewesen sein. Ich trug ein grün schwarz gestreiftes leichtes Hemd von sehr guter Qualität und beobachtete, wie ich von Tag zu Tag dahinschmolz und an Gewicht verlor. Ich las „On The Road von Kerouac und Carlos Castaneda „Don Juan“, Bücher, die dort herumlagen. Ich las diese Bücher und konnte mich schon im selben Moment nicht mehr an den Inhalt erinnern. Aber ich las alles durch, von der ersten bis zur letzten Seite, bei heruntergelassenen Rollläden, durch die nur ein winziges aber doch sehr leuchtendes löchriges Licht in mein Zimmer drang.

„Ein Buch kann einen oder vielleicht sogar zwei Neurotiker verkraften, aber nicht drei, noch dazu, wenn es die Hauptfiguren sind.“Paul Ingendaay

Ich muss vielleicht etwas ausführlicher werden. Also in der Pension Oxford in Down Town Kairo in der Talaat Harb Straße gab es damals nicht nur Touristen. Es gab auch Dauergäste. Ich kann mich an einen Sudanesen erinnern, er bewohnte eines der Zimmer und ließ eine Art Tabak unter der Lippe zergehen. Ich verstand es nicht, er sagte, es sei hier zu heiß um zu rauchen.

Ich finde diese Pension jetzt sogar wieder. Ich stehe auf der Straßenseite gegenüber und schaue hinauf zum obersten Stock. Das ist der Ort, an dem sie einmal war die Pension Oxford, denn es gibt sie nicht mehr. Im Eingangsbereich erkenne ich den alten Fahrstuhl und die ausgetretene Marmortreppe wieder. Das sind alles alte Erinnerungen, auf die ich wahrscheinlich noch in den nächsten fünfzig Jahren zurückgreifen werde.

Die Touristen aus den USA hatten von der Pension Oxford in einem Reiseführer gelesen, der „Let’s go Egypt“ hieß. Ein paar waren dann Statisten in „Adieu Bonaparte“ mit Michel Piccoli in der Hauptrolle. Nicht weit von der Pension Oxford ist heute noch das Produktionsbüro der Firma, die damals diesen Film drehte. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine Frau aus Wisconsin hielt den Reiseführer „Let’s go Egypt“ in den Händen. Sie saß in einem Mehrbett Zimmer auf oft gewaschenen Leinentüchern von gräulich gelber Färbung und erzählte mir, dass sie Hebamme werden wolle. Ist auch egal eigentlich. Ich könnte ebenso Stichwörter aufschreiben: Hebamme, Sudan, Polen, rote Kunstledersessel, Stella Bier, Mücken, Autan gegen Mücken, wackelnde Badewanne ohne Füße, Kakerlaken, langer Flur, alter Fahrstuhl ausgetretene Marmortreppe, und dann die Anklage des Diebstahls! Als der arme Bedienstete des Diebstahls beschuldigt wurde, ich glaube sogar von einem jungen Mann, den ich gerade kennengelernt hatte. Der Bedienstete war so fassungslos und weinte, es war so eine Art Weinen. Ich wollte nicht, dass man ihn beschuldigte. Die ganze Ungerechtigkeit der Welt lag darin, alles. Musste er denn gehen? Wurde er gefeuert, bestraft? Nein, ich denke der alte griechische Hotelier war ein guter Mann, er hat sicher kein Unrecht ihm angetan, dem armen dünnen Bediensteten mit dem weißen Gewand und dem Turban in Down Town Kairo 1984.

 

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