New York 2002

Die Kamera ein Instrument mit großer Kraft:

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Manchmal will ich mehr, ich will mich mit der Situation, die bereits Erinnerung ist, in die Badewanne legen und sie warm halten. Oder ich will sie in ihrer Vollständigkeit transportfähig machen, so dass ich sie überall mit hinnehmen und jeder Zeit in ihrer ganzen Pracht hervorzaubern kann, damit auch andere etwas davon haben. Doch die Kamera und ich schaffen es nicht, die Situation zu fotografieren in ihrer ganzen Schönheit und Lebensmelodie. Zwar erlauben uns gewisse bewegliche Winkel und flüchtige Perspektiven, auf originelle Vorstellungen des Raumes zu blicken, aber dieser Blick bleibt fragmentarisch. (Ivain) Es ist direkt unbefriedigend.

Auf der Jamaika Avenue in Queens entlarvt meine Kamera mich sofort als Touristin, die am falschen Ort ist. „Was fotografieren Sie da, warum machen Sie das?“

In einem indischen Supermarkt antworte ich auf diese Frage: „I am taking a picture of god“ und zeige auf das Bild der Göttin Kali: “I want to make a foto to take home as a souvenier.” Das scheint in Ordnung zu sein. Als ich dann beim Hinausgehen die Uhr neben der Tür fotografiere, ruft der indische Verkäufer hinter mir her: „not the clock, not the clock!“ Der Mann ist wahrscheinlich ein Moslem mit moslemischen Humor. Oder auch Buddhist. Wenn ich ein Bild von einer Sache mache, kann ich Macht darüber gewinnen. Touristen lassen die Landschaften nicht einfach Landschaften sein, sondern fotografieren sie. Sie wandeln sie um, in eine Art persönlichen Besitz. Ein Freund, der sich für Indien interessiert, sagt “wenn du materialistisch denkst, wirst du auch materialistisch bestraft, das ist eben ein Teufelskreis.”

Die Straße zerfällt in ihre Bestandteile, ich würde sie gerne in Streifen schneiden, um sie mit nach hause zu nehmen. Sie ist zum Studienobjekt geworden und damit irreal. Zuviel Bewusstsein treibt in den Wahnsinn. Wesentlich hierbei ist, die Normalität durchschnittlich an der Grenze zur Verstörung, Verunsicherung oder Verärgerung dahingleiten zu lassen. Und das Irreale wird noch stärker, weil Jamaica Avenue nicht das Pflaster ist, auf dem ich mich täglich bewege. Jamaica Avenue ist ein Holo-Deck. Wie bei “Deep Space Nine”. Eine  komplexe Welt aus „holografischer Materie“,- anfaßbar, bewegbar, riechbar, schmeckbar, zusammen mit holografischen Menschen, die sich natürlich bewegen und mit denen man ganz normal sprechen kann. Auf dem Holo-Deck lässt sich schwer denken, denn es ist kein Jagdrevier.


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Jamaica Avenue, eine Psychostraße:

Jamaica Ave ist eine Kirche, es gibt ein Kirchenschiff, das ist die Straße selbst und die Hochbahnkonstruktion, das ist das Gewölbe der Kathedrale, darüber rollen ständig die Donnergötter sie heißen Z und J – Train. Die Straße ist von Heiligkeit aufgeladen, ich kann es fühlen, denn das was meinem Blick durch die Oberfläche der Welt versperrt bleibt, ist unendlich, unbegrenzt, bodenlos. Jamaica Avenue riecht im Sommer nach verottetem Abfall und nach allem möglichen sonst. Auf der Hochbahn fährt alle paar Minuten die U-Bahn, für die einen heißt sie Zebaot für die anderen Jahwe. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Aber die Anwohner sind es gewohnt und hören einfach auf zu reden, wenn die Gottheit spricht.

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Es gibt überall Abbildungen. Es sind Bilder von Dingen, die zum Leben gehören. Nicht das Leben von Jesus Christus, es sind gebratene Hähnchen, die von gelben Küken serviert werden und damit ihr zukünftiges Schicksal bereits auf den Flügeln tragen. Flugzeuge mit denen man zum Himmel aufsteigen kann, reparierte Handtaschen und Schuhe, Schmetterlinge, Stühle, Smokinghemden, Rinderköpfe, Wäschekörbe, Kinderärzte mit Babys auf dem Arm, Hände mit langen Fingernägeln, Klaviere, Gitarren, Frauen, denen man eine Shiatsu-Massage verabreicht, Klempner-Werkzeuge und Fernseher. Es gibt überall Waschsalons.  Hier treffen sich die Menschen zum Beten vor den rotierenden Waschautomaten. Dann gibt es noch ein paar Archen Noahs, in Form von Tiergeschäften. Hier kann man sich bei Einsamkeit, einen kleinen Lebensgefährten zulegen und ihm einen Namen geben.

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In einem Diner an der 120sten Straße sitzt ein Prophet, er trägt eine schwarze Clark Kent Brille und malt Botschaften auf Nylon-Taschen. Vor der Tür des Diners stehen jeden Tag mehrere Propheten herum in lässig sitzender Kleidung und mit Stahlkämmen im Haar. Einer von ihnen, er ist ungefähr 19 Jahre alt,  hält eine Rede:

„Man muß die Ausbreitung des Mißtrauens gegen diese luftigen und kolorierten Kindergärten, die im Westen wie im Osten neue Schlafstätten bilden, unterstützen. Nur wer wach ist, stellt die Frage nach einer bewußten Konstruktion des städtischen Milieus…Wir werden leidenschaftliche Häuser bauen… Ein jeder wird in seiner eigenen Kathedrale wohnen. Es wird Räume geben, die lebhaftere Träume erwachen lassen als jegliche Drogen. Es werden Häuser entstehen, in denen es unmöglich sein wird sich nicht zu verlieben. Andere werden Reisende unüberwindlich anlocken“.

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Jamaica Avenue ist von Gott und der Welt verlassen und in der Zeit hängen geblieben. Raum und Zeit sind nicht zwei gleichberechtigte Anschauungsformen. Die Straße ist der Raum, er ist homogen. Man kann sich beliebig in ihm bewegen. Vorwärts und rückwärts. Bewegung ist nur das Aufeinanderfolgen verschiedener räumlicher Lagen der Körper. Wer vorgibt, die Zeit zu messen, mißt in Wirklichkeit nur Veränderungen im Raum. Die Zeit ist nicht homogen. Sie ist eine nicht umkehrbare Reihe. Eine Rückkehr zur vorherigen Situation ist unmöglich. Man kann sich nicht vorwärts und rückwärts in der Zeit bewegen, nicht so wie im Raum. Jeder Moment ist etwas Neues, Einmaliges, Unwiederholbares.

Jamaica Avenue ist ein Anhängsel von einem besonderen Ort wie zum Beispiel einem Tempel. Die Straße ist keiner starren Ordnung unterworfen, sie ist kein ordentlich organisiertes Netz für den Konsum, bei der Zeit, Einkaufszeit bedeutet und es nur noch Geschäfte gibt, die man überall auf der Welt findet. Hier ist der Einzelhändler der König. GAP gibt es nicht und auch nicht andere Kettengeschäfte, außer BRAVO, der Supermarkt, in dem fast alle Produkte gelb/rot sind, die Farben der Karibik.  Drei Tage in der Woche gehen die Christen, Juden und Moslems in den Tempel und am Wochenende in die Disko, sie heißt Casa Latina oder Calypso-City. Dann sind die jeweiligen Geschäfte geschlossen. Ein Mensch wie ich fällt hier auf, was ungünstig ist, wenn man selbst Beobachter sein will. Ich werde ständig beim Beobachten beobachtet, oder ich fühle mich beobachtet und fange an mich selbst zu beobachten. Einer beobachtet immer. Aber zum Glück verlieren die Leute schnell das Interesse. Neuigkeiten, Nachrichten, Zeitungsmeldungen, werden aufgenommen wie ein Imbiß, im Vorbeigehen, der Rest landet im Müll:

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Die Polizei hat eine Phantomzeichnung des bewaffneten Mannes veröffentlicht, der am Donnerstag den Besitzer eines Juwelengeschäfts auf der Jamaica Avenue in Queens erschossen hat.

New Yorks höchstes Gericht hat entschieden, dass eine Mieterin das Recht habe, den „Queens Apartment Complex“ zu verklagen, obwohl sie – ohne zuvor den Türspion zu benutzen – einfach einen ihr Unbekannten in die Wohnung ließ, der sie anschließend vergewaltigte.
Der „West Nile Virus“ wurde jetzt in diesem Jahr zum ersten Mal wieder in New York entdeckt. Ein infizierter Vogel wurde in Queens gefunden und ein anderer ebenfalls erkrankter Vogel auf Staten Island.

Ein Mann rief gestern bei der Polizei an  und sagte, er wollte sterben, oder reden. Als die Polizei kam und ihn retten wollte, sagten sie zu ihm: “Hey Pedro, was ist das Problem?”

Ein Untersuchungsausschuss kam zu dem Ergebnis, dass die tödliche Vatertagsexplosion in Queens ein Unfall war und die beiden Teenager, die mit Benzin hantierten, wodurch das Feuer schließlich ausbrach, werden mit keiner strafrechtlichen Verfolgung rechnen müssen.

Der jährliche „State of the Subways“-Report ist seit heute veröffentlicht und verzeichnet, dass der Service in den New Yorker Subways besser geworden ist und die Wagons sauberer sind, als zuvor. Allerdings wird weiterhin bemängelt, dass die Züge immer noch zu voll sind.

Sämtliche Schüler der Stadt bereiten sich auf den Schulbeginn nächste Woche vor, was für die zuständigen Behörden die alljährliche Festlegung der Schuluniformpreise bedeutet.

Ein fünfzehnjähriges Mädchen saß am Freitag auf dem Bordstein vor einem Laden. In der einen Hand hielt sie eine Bierdose. Sie trug ein leichtes gelbes Top und enge rote Shorts. Der Ladenbesitzer kam heraus und verbot ihr, da zu sitzen.

Der Sommer in New York ist inoffiziell erst dieses Wochenende eröffnet worden, als die Stadt die öffentlichen Schwimmbäder geöffnet hat.

Ein Mann hat am Montag in einer Tierhandlung angerufen und sich ausführlich erkundigt, ob Hühner in der Tierhandlung leben und wie ihre Stimmung sei. Ob er kurz ein Huhn hören könne. Der Mann klang glaubwürdig und interessiert. Die Verkaufskraft der Tierhandlung wunderte sich zwar etwas, gab aber trotzdem ebenso freundlich und kompetent Auskunft. Das Gespräch wurde von der Verkaufskraft beendet, als der Anrufer sich erkundigte, ob Fische im Wasser leben.

Die Yankee-Fans hoffen, dass ihr Team es wieder in die World Series schafft, um die Schmach der Niederlage letztes Jahr gegen die „Arizona Diamondbacks“ auszumerzen.

Eine Frau warf bei einem Streit ihrem Mann einen echten Meteoriten an den Kopf. Sie hatte ihn einige Monate zuvor in einem Spezialgeschäft in der Myrtle Avenune gekauft.

Laut Angaben der Polizei wurde bereits am Donnerstag ein Junge verhaftet, der Anfang der Woche in Brooklyn antisemitische Graffitis sprühte. Als Grund gab der Junge Langeweile an.

Ein Gefangener entkam gestern aus einem Gericht in Manhattan und das, obwohl er mit Handschellen an einen Stuhl gekettet war. Jetzt schieben sich die NYPD und das Gerichtspersonal gegenseitig die Schuld zu, wer ihn eigentlich ursprünglich bewachen sollte.

Bei einer Geburtstagsparty für einen Singvogel, der gerade einen schweren Kehlkopfkrebs überlebt hatte, flog der Vogel von der Schulter eines Gastes geradewegs in den Ventilator, und das Blatt des Ventilators trennte den Kopf des Vogels sauber ab und der Rumpf plumpste wieder auf die Schulter des selben Gastes.

Dank an (Gilles Ivain, Henri Bergson, Henri Lefèbvre, NYC-Guide , Harmony Korine, Stermann und Grissemann, deren Aussagen meist paraphrasiert in den Text gemischt sind.

Abgedruckt in Zonic No 13.5

Vorgetragen: URBAN DRIFT CONFERENCE // FROM FORMALISM TO FLUX: MOBILITY AND NEW URBAN STRATEGIES FRIDAY, 11.10.02

Ausgestellt: Transformers will reflect tendencies within current architectural practice, together with strategies in contemporary art that focus on the urban realm, 9. – 26. October 2003

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