(scroll down for the English translation)

Karl-Heinz hat eine Dose hinterlassen. Eine alte Keksdose. Er war der Cousin meiner Großmutter. Er hat noch mehr hinterlassen, aber nichts persönliches – eine Immobilie, Geld und einen Sohn, zu dem er keinen Kontakt hatte. Ich schreibe nur was ich weiß. Alles ganz nackt, ohne Recherche.

In dieser kleinen Dose wartete ein Stapel alter Fotos darauf, dass ein Mensch ihn in die Hand nimmt und an Karl-Heinz denkt. Dieser Mensch bin ich.

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Karl-Heinz auf dem Schoß seiner Mutter Auguste.

Wenn ich an ihn denke, fallen mir immer als erstes seine Haare ein. Sie waren schwarz und glatt. Es waren schwarze Vinyl-Haare mit Rillen. Er trug seine Haare immer auf die eine Art, sein Leben lang.

 

Karl-Heinz bei der Arbeit, als junger Mann im Park, als Kind auf der Straße und mit seinen Eltern, Auguste und Wilhelm.

Er war mal Raucher und der erste und einzige Mensch, der mir von seinem Raucherbein erzählte. Damals stand ich vor ihm in dem sehr kleinen Wohnzimmer seiner Eltern, die er oft besuchte, so als wäre er in erster Linie ihr Sohn, nichts anderes. Seine Eltern sind auch tot, schon lange. Seine Mutter war die Tante meiner Großmutter. Man stelle sich das mal vor: Die Tante der Großmutter. Eine Tante, die großen Eindruck auf mich machte, weil sie seltsam und wenig sprach, weil sie zwei sehr kleine Katzen in einer Vitrine hatte und weil sie so gut Zuckerkuchen backen konnte wie keine andere. Ihr Ehemann konnte genauso gut Zuckerkuchen backen wie sie. Er hatte eine Geige unter dem Bett, die er nicht spielte, weil ihm ein Finger fehlte.

Karl-Heinz musste aufhören zu rauchen. Sonst wäre es seinem Bein so ergangen wie dem Finger seines Vaters. Es wäre abgetrennt worden. Ich stand vor Karl-Heinz in dem kleinen Wohnzimmer. Er saß auf einem Sessel und hatte die Beine auf einen Stuhl gelegt.

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Karl-Heinz Freundin?

Das war die gute Phase.

Noch besser war es, bevor Karl-Heinz heiratete. Über seine Frau weiß ich nichts, nur  dass die Ehe mit ihr geschieden wurde. Ich habe auf der Hochzeit Blumen gestreut. Das ist ein schöner Brauch, der leider nichts bewirkt hat. Nicht nur Karl-Heinz Frau sah auf ihrer eigenen Hochzeit seltsam nach innen gekehrt aus, auch einige der Gäste wirkten so, als ob sie ihr Gesicht falsch herum aufgesetzt hätten.

 

Es fällt mir nicht leicht, diesen Nachruf über Karl-Heinz zu schreiben. Ein paar Fotos aus der Keksdose sprechen vielleicht für sich. Ich ergänze nur was ich weiß. Oder zu wissen meine.

 

Offensichtlich ist Karl-Heinz mal nach Afrika gereist mit seinem VW-Käfer. Den Bildern zufolge war er in Marokko. Aber damals nahm man es nicht so genau, vermute ich, Marokko oder Afrika. Marokko ist doch in Afrika. Auf der Postkarte, die er an seine Eltern schickte und die nach deren Tod wieder in seinen Besitz überging, steht : Viele Grüße aus Afrika.

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Karl-Heinz (wir nannten ihn tatsächlich so) verdiente gut als Facharbeiter bei VW. Er reiste viel – auch später – und fuhr immer das neueste Volkswagen Model. Er hatte einen alten Freund in den USA.

Ich musste neulich wieder an Karl-Heinz denken, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Vorstellung davon hatte, wie es ist, wenn man als alter Mensch am Ende des Lebens denkt, „das wars jetzt also“. Karl-Heinz hatte sich sehr zurück gezogen bevor er starb. Er lebte im jetzt und das jetzt war für ihn beschwerlich und einsam. Meine Mutter und ich haben ihn einmal besucht. Wir wollten sein Fahrrad ausleihen. Karl-Heinz hatte diese Schrankwand. Sie nahm die gesamte kurze Seite des Wohnzimmers ein. Die Schrankwand verhinderte, dass sich die Welt in Karl-Heinz Wohnzimmer breitmachen konnte. Sie war ein Schutzwall, mehr Wand als Schrank.

Sein Herz war auch eine Schrankwand geworden. Er ging mit uns in den Garten und schenkte uns ganz viele Beeren zum Abschied und sprach dabei so seltsam wie einst seine Mutter. Ein wenig klagend und doch voller Liebe. Wir hätten ihm nicht sagen können, dass wir ihn auch lieb haben, es hätte nicht überzeugend geklungen. Wie soll man so etwas sagen? Gespürt hat er es vielleicht.

In Memoriam Karl-Heinz  Düwel

 

Oben links, der Vater in einer Gruppe während der NS Zeit. Rechts Oben Karl-Heinz Großmutter (meine Ur-Ur-Großmutter). Karl-Heinz in den 60ties, Karl-Heinz als Bub. Mutter, Vater und Onkel bei einem Ausflug. (Bank-Post-ADAC?) Karl-Heinz als Konfirmand.

 

Karl-Heinz

Karl-Heinz bequeathed a box. An old cookie box. He was my grandmother’s cousin. He bequeathed even more, but nothing personal – property, money and a son with whom he never had any contact. I am only writing about what I know. Everything direct, without any research.

In this little box a pile of old photographs waited for someone to take them in their hand and think about Karl-Heinz. This someone is me.

Karl-Heinz sitting on the lab of his mother Auguste.

The first thing that comes into my mind when I think about him is his hair. It was black and and sleek, black vinyl hair with grooves. He always wore his hair like that, his entire life.

Karl-Heinz at work, as a young man in the park, as a child in the street and with his parents, Auguste und Wilhelm.

He used to smoke and he was the first and only one who was telling me about his smoker’s leg. Back then I was standing in front of him in the small living room of his parents, whom he visited quite often as if he was primarily their son, nothing else. His parents are dead as well, they died a long time ago. His mother was my grandmother’s aunt. Just imagine: the aunt of the grandmother. An aunt that made a great impression on me because she didn’t talk much and had this peculiar way of speaking and because she had two very tiny kittens in a glass cabinet and because she was the best sugar cake baker in the world. Only her husband was an equally good sugar cake baker. He kept a violin under his bed, which he never played because he once had lost a finger.

Karl-Heinz had to quit smoking. Otherwise his leg would doomed to the same fate like his father’s finger. It would have been cut off. I was standing in front of Karl-Heinz in the small living room. He was sitting in an armchair with his legs resting on a stool.

Karl-Heinz girlfriend?

That was the good phase.

Life was much better before Karl-Heinz had married. I know nothing about his wife, only that his marriage with her ended in a divorce. I scattered flowers at their wedding. That is a nice custom, but unfortunately didn’t make a difference. Not only did Karl-Heinz’s wife looked strangely introverted at her own wedding, even some of the guests seemed to have put their faces on the wrong way.

It is not easy for me to write this obituary about Karl-Heinz. Some of the photographs from the cookie box might speak for themselves. I am just adding the things that I know, or believe to know.

Apparently Karl-Heinz traveled to Africa once with his VW-Beetle. According to the pictures he went to Morocco. But back then people weren’t so particular about the details I suppose,  Morocco or Africa. After all Morocco is part of Africa, isn’t it. On the postcard, he sent to his parents and that went back to him after their death, he wrote: Greetings from Africa.

Karl-Heinz (we really used to call him by this name) earned good money as a craftsman working for VW. He traveled a lot – even later – always driving the latest Volkswagen model. He had an old friend in the USA.

I had to think about Karl-Heinz most recently because for the first time in my life I had an idea how it feels, when in your old age, at the end of your life, you have this thought “so that was it“. Karl-Heinz led a withdrawn life before he died. He lived in the now and now for him was very arduous and lonely.

My mother and I once visited him. We wanted to borrow his bicycle. Karl-Heinz had this wall unit. It covered the entire short side of the living room wall. The wall unit blocked the world out of Karl-Heinz’s living room. It was a barricade, more wall than unit.

His heart became a wall unit as well. He walked us to his garden and gave us many berries as a farewell present. Back then the way he spoke was just as peculiar as his mother used to talk, with a little lament but full of love. We were not able to tell him, that we love him, it wouldn’t have sounded convincing. How can we say something like that? At least he felt it, maybe.

In memoriam Karl-Heinz Düwel

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