Die Fäden laufen zusammen, alles bewegt sich in Richtung Auflösung. 1913 will Kasimir Malewitsch die Kunst vom Ballast des Gegenständlichen befreien. 1951 postulieren Karlheinz Stockhausen und seine Kollegen ein assoziationsfreies Hören, eine Musik die vom mechanischen Klangmaterial befreit ist und ganz auf Natur und Umweltgeräusche verzichtet.1965 beantragt der Schriftsteller Oswald Wiener, Zeitgenosse von Nobert „Mensch Maschine“ Wiener, mit Hilfe des bio-adapters die Auflösung des Körpers, und damit die Befreiung vom Ballast der Sprache, die buchstäblich alles durchdringt.

Die Sprache formt das Bewußtsein. Die Sprache geht mitten durch uns durch und schreibt der Wirklichkeit unseres Bewußtseins enge Gassen vor. Wer mit der von der Sprache umrissenen Wirklichkeit nicht auskommt, stellt sich gegen die Gesellschaft und bekommt Hausarrest – wer nicht hören will, muss fühlen, erklärt Wiener in der „bio-adapter“, erschienen in gedruckter Form als appendix A in dem Roman „die Verbesserung von Mitteleuropa“.
Führt eine kontrollierbare Welt, verbunden mit der Gleichschaltung alles Vorkommenden durch Kybernetik und Digitalisierung zu ihrer Auflösung? Wiener schien mit seiner Idee des bio-adapter auf ironische Weise die Zukunft vorwegzunehmen. Etliche Zukunftsvisionen und bereits existierende Entwicklungen erfasst der bio-adapter in Perfektion: Cyberspace, Computer als Lebenspartner, Computer als Arzt, auswechselbare Organe und vieles mehr. Der bio-adapter ist, so Wiener, eine Uterus-Maschine, ein Konverter, der eine Lösung aller Weltprobleme bietet. Er ist die Befreiung von Philosophie durch Technik. In ihm finden sich Nahrung, Unterhaltung, Stoff- und Geistwechsel. Das Ziel ist, die Welt zu ersetzen, die komplette Liquidation des Homo Sapiens und die Trockenlegung des Weltalls. Wiener stellt sich das etwa so vor: Der Mensch, der in dem Bioadapter lebt, wird allmählich an das neue Dasein herangeführt. In mehreren Adaptions-Phasen löst sich der Körper in Nichts auf, nur das Bewußtsein ist noch vorhanden. In der ersten Phase passt sich die Maschine dem Menschen an. Die Umwelt wird mit Hilfe der Technik ersetzt, der Mensch wird zum Servo-Narziss. In den folgenden Phasen wird der Mensch der Maschine angepasst. Herumlaufen, krabbeln oder Kriechen sind obsolet. Organverpflanzungen und Amputationen werden vorgenommen. Der Einbau eines Gelenks zwischen Schulter und Ellenbogen, soll eine neue Ära des Rückenwaschens einleiten. Der Mensch, so Wiener, ist ohne bio-adapter ein miserabel ausgerüsteter Schleimklumpen, geschüttelt von Lebensangst und Todesfurcht.

Als ich Wieners Entwurf des bio-adapters vor fünf Jahren zum ersten Mal las, konnte ich mir gut vorstellen, dass seine Phantasien eines Tages Wirklichkeit würden. Denn Einzimmerwohnung, Auto, Fernsehen, Videospiel, Mobiltelefon oder PC zeigen, dass sich der Mensch immer mehr vereinzelt und damit bereit ist für ein Leben als Servo-Narziss. Trotzdem war der bio-adapter damals für mich nicht viel mehr als eine lustige und manchmal auch überbordende Vision eines Schriftstellers zu Staat und technischen Entwicklungen in der Zukunft. Dass dahinter auch ein Wunsch nach Selbstauflösung steckte, eine klassische Dandy-Haltung, ist mir erst später klar geworden. In den letzten fünf Jahren ist viel passiert. Ich habe mich unwohl gefühlt, mein bisheriges Leben überdacht, einen Neuanfang erwogen und die Idee von der kompletten Auflösung des Körpers, dem Menschen als Brausetablette, schien mir auf einmal sehr willkommen. Nicht, weil ich inzwischen einem miserabel ausgerüstetem Schleimklumpen, wie Wiener es nennt, ähnlicher geworden bin. Es ist nicht mein Körper, an dem ich etwas auszusetzen habe. Und doch denke ich seit einiger Zeit, das größte Glück sei wohl, jemand völlig anderes zu sein. Der erste Impuls, in einem anderen Land zu leben, wird durch die Einsicht blockiert, dass ich mich selbst immer mit dabei habe, auch wenn ich an einen anderen Ort übersiedle. Ich denke, dass der Wunsch nach einem Neuanfang mit dem allgemeinen Entwurzeltsein zu tun hat. Die Traditionen funktionieren nicht mehr richtig, also muß man sich etwas anderes überlegen. Das Gelernte und die Schlußfolgerungen haben irgendwann einfach nur Verwirrung gestiftet oder gezeigt, dass der Zustand der Welt irreparable ist. Also will ich einen Neuanfang und den zweiten Teil des Lebens damit verbringen zu vergessen, was ich im ersten Teil gelernt habe. Aber wie soll das gelingen? Das Leben hat man doch immer dabei, das eigene Leben. Und durch Sprache und Geschichte, das Leben der Vorfahren. Mit dem Wunsch zu desertieren , dem „Gefängnis der Erde“ der Gravitation und den Verhältnissen zu entfliehen, stehe ich nicht allein: „Oh Nacht der Verwandlung, wann kommst du, wo ich diesen Körper vergesse, ja ihn abstreife, und die Dinge anders bedeuten und anders sind denn je sonst; die Glieder werden selbständig, die Teile beginnen zu reden. Die Auflösung sie ist die Verwandlung und sei mir ein Anfang.“ zitiert Mario Mentrup 1999 in „Print Identitäten“ seinen Helden Carl Einstein.
In der zum Thema passenden Anthologie „Riten der Selbstauflösung“ lese ich über die Haltung des Baudelaireschen Dandy: „Die Verflüchtigung und das Zentralisieren des eigenen Ich, darauf kommt es an!“ Mario Mentrup bezeichnet die Riten der Selbstauflösung als „heroischen Eskapismus“. Er nennt Oswald Wiener, auch Alexander Trocchi, Guy Ernest Debord, Lester Bangs, Gilles Deleuze und nicht zuletzt Kraftwerk, über die er im Zusammenhang mit dem bio-adapter schreibt: „Die marode Mensch-Maschine Kraftwerk hat sich bereits abgekoppelt und ernährt sich seit 1986 ausschließlich von sich selbst.“
Aber nicht nur die Worte der Denker, auch Schönheitsoperationen, die radikale Verbesserung von Körper und Gestalt des Menschen durch Wissenschaft, virtuelle Chatrooms, in denen man Geschlecht, Namen, Beruf und Aussehen wechseln und unsichtbar allen Neigungen nachgehen kann, sprechen für den Wunsch nach Selbstauflösung. So auch die Versuche stundenlang allein vor dem Fernsehapparat zu sitzen und sich von Spagetti zu ernähren, kommen der Idee des bio-adapter und damit der Selbstauflösung sehr nahe. Wird der Fernseher nur eingeschaltet, um das Gefühl zu erzeugen, es sei noch jemand in der Wohnung, ist das ein Beispiel für die Servo-Narziss-Funktion. Fernsehen ohne Ton, oder nur mit Ton ohne Bild, oder einfach nur zappen und dabei durch den Apparat hindurch sehen, gleicht technisch einer sogenannten Rückkopplung oder Selbsterregung. Im Lexikon der elektronischen Musik von Herbert Eimert und Hans Ulrich Humpert wird Rückkopplung so erklärt: „…wenn ein Teil der Ausgangsspannung einer Verstärker-Röhre wieder dem Eingang zugeführt werden. Ein sich ständig wiederholender Kreislauf, der den Verlust an Schwingungsenergie wieder ausgleichen kann, aber in vielen Fällen zu unerwünschten Effekten wie Pfeifen, Heulen oder Brummen führen kann. Rückgekoppelte Klänge wirken oft mechanisch, ihre maschinelle Exaktheit erzeugt ostinate, stereotype Klangmuster, die sich rasch verbrauchen.“

Wiener nannte seinen bio-adapter auch Glücksanzug. „Sei glücklich!“ ist ein Gebot. Und Bücher zum Thema Glück gibt so viele wie nie, berichten die 20 Uhr Nachrichten. Ich selbst befinde mich die meiste Zeit weder in der Welt des Glücks noch des Unglücks, sondern des Unwirklichen. Das Unwirkliche ist aber keine Märchenwelt, es ist unerbittlich wirklich. Gemeinsam mit anderen Menschen, die dieses Gefühl teilen, durch die Welt des Unwirklichen zu wandeln und sich darüber zu verständigen ist schwer, denn Sprache ist eine ererbte, renovierte Ruine. Wiener schreibt: der mensch bedarf des bio-adapters, weil er sich vereinzelt, indem er seine umwelt immer mehr verbalisiert. Durch Benennung wird zerstückelt und zerteilt , dann wieder zusammengesetzt . In der frühen Archäologie, die ja mit der Technisierung der Welt einherging, wurden die Scherben noch präzise zusammengeklebt, heute legt man die passenden Teile locker nebeneinander. Hardcore-Restauration gibt es natürlich weiterhin. Beispiel ist der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Die aufgestapelten Blöcke der Trümmer sahen in meinen Augen verheißungsvoller aus, nach Neuanfang. Ohne Sprache, so Wiener, verliert der Mensch sich in den Landschaften seines Bewußtseins, es fehlt ihm jedes Rüstzeug, er kann nur wieder zurück in die engen Gassen der Benennung. Manche Musik stimuliert etwas und zeigt wortlos, dass es doch andere Formeln als Sprache gibt. Allein für mich, selten in größeren Gruppen, höre ich wortlose elektronische Musik, oder auch Jazz. Der Nachhall ist eine sehr angenehme warmherzige Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit ist einem Glücksgefühl sehr ähnlich, einem Zustand der Entrückung. „Space Is The Place“. scheint das Mantra zwischen den Klängen zu lauten. Sie fliegen von weither auf die Erde zu, um uns zu retten. Helge Schneider lässt sich schließlich auch in seinem neuen Film, so wie Sun Ra, von Musik suchenden Außerirdischen auf deren Planeten entführen. Und Kasimir Malewitsch schreibt in seinem Manifest von 1922: „Das Ich wird das All erblicken, wenn es sich in ihm auflöst.“
Karlheinz Stockhausen hatte erkannt, dass jedes Geräusch beim Zuhörer eine Assoziation hervorruft. Er wollte die Geräusche soweit verfremden und aus ihrem Kontext nehmen, dass diese Assoziation nicht mehr zustande kommt. Nur der reine Klangkörper sollte die Musik bestimmen. Doch die in der elektronischen Musik benutzten Synthesizer dienen oft nur der Endlos-Produktion von Klischees wie Blubbern und Zischen. Durch die eingebaute Klaviatur ist man sofort wieder bei der temperierten Stimmung der abendländischen Musik. Sound-Klischees entstehen durch vorprogrammierte Schaltungen, Loops und Samples. Sie werden natürlich häufig bewußt eingesetzt, eben um zu zitieren. Stockhausen war der Meinung, dass man die emotionellen Konjunktionen der Geräusche nutzbar machen könne, und dass es möglich sei, Menschen auf rein physikalische Weise, also durch Anregung der Atomschwingungen, zu beeinflussen. Es gibt Versuche, bei denen ein Metronom auf Tonband aufgenommen und die Geräusche mit Kopfhörern in ein Aquarium übertragen wurden. Der dort lebende Fisch hat sich dann allmählich auf den Rhythmus des Metronoms synchronisiert. Als der Rhythmus immer mehr verlangsamt wurde, starb der Fisch.
Im Katalog zur camera silens, über einen geräuschfreien Raum, von Olaf Arndt und Rob Moonen ausgestellt, lese ich, dass jede dauerhafte Stimulation den physischen Aufbau unseres Gehirns verändert. Setzt man Menschen längere Zeit einer bestimmten Umwelt aus, wird sich das plastische Gehirn an eine solche Umwelt, in manchen Fällen sogar irreversibel, adaptieren. Umwelten gleichen so der Zuführung von Drogen oder Psychopharmaka, ja sogar einer direkten elektrischen Stimulation von Neuronen durch Mirkroelektroden.

Elektronische Musik hat für mich etwas mit einer verheißungsvollen Zukunft zu tun, auch wenn sie selbst kein Heilsversprechen abgeben will. Das liegt natürlich an den damit assoziierten und immer wieder zitierten Weltraum-Geräuschen. „The Day The Earth stood still“ mit Aetherophon-Klängen von Lew Sergewitsch Thermen, der Sound von Oscar Salas Mixturtrautonium, das bis in die sechziger Jahre zur Untermalung „außerweltlicher“ Ereignisse in Rundfunk, Film und Fernsehen benutzt wurde, hat sich fest in unser limbisches System eingeschrieben. Diese Hirnregion erinnert sich.
Die Menschen, die in den 50iger Jahren die elektronische Musik erfanden und als Geisteshaltung bezeichneten, haben vielleicht nicht erwartet, dass die Mode für den Sommer 2004 die 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts kopiert. Und wie tanzt man in Etui-Kleidern zu Laptop-Musik? Der Science Fiction Autor Thomas M. Disch hat schon früh geahnt, dass sich die Moden ständig wiederholen. Der bio-adapter scheint uns bereits alle zu umgeben, unser Leben gleicht einem Loop, oder einer Rückkopplung. Die Zukunft ist schon lange vorbereitet. Wie Vilém Flusser sagt: „Wir fliehen vor unserer eigenen Vergangenheit. Die Zukunft verfolgt uns.“ Warum stehen Musiker und Composer von heute, mit Laptop oder Synthesizer wieder auf der Bühne und sind nicht längst unsichtbar geworden? Der Reiz, der von diesen Geräten ausgeht, ist ja, dass Musik und Klang nicht mehr mechanisch erzeugt werden durch sichtbare Anstrengung oder Fingerfertigkeit des Spielers, sondern durch unsichtbare Prozesse. Warum schließt man uns nicht in einfach in passende Kammern, und setzt uns wie den Fisch im Aquarium außerweltlichen elektronischen Klängen aus, auf die wir uns synchronisieren, und wenn wir uns aufgelöst haben „das All erblicken“.

Warum haben wir uns nicht längst alle aufgelöst, wenn die Auflösung die Lösung ist?

Wiener, Stockhausen und auch Malewitsch wollten nicht nur Auflösung sondern Neuanfang. „Schöpfung gibt es nur dort, wo eine Form im Bild erscheint, die sich an nichts Vorgegebenes in der Natur hält, sondern aus der malerischen Masse entsteht und die ursprünglichen Formen der Natur weder kopiert noch verändert,“ schreibt Kasimir Malewitsch in seinem Manifest von 1915. Von der Autonomie der Farbformen über Suprematismus führt Malewitschs Auflösung zum Anti-Bild, dem Schwarzen Quadrat. Figur und Grund werden zu Form auf Fläche konzentriert und anthropomorphe Züge ausgelöscht.
Wieners stufenweise Selbstauflöung im bio-adapter führt zu einem losgelösten Bewußtsein. Der bio-adapter ist nicht das Werk eines Ingenieurs. Das „Schwarze Quadrat“ ist kein geometrisches Quadrat. Im Gegensatz dazu ist Elektronische Musik bis auf einige nicht kommerzielle Ausnahmen der kapitalistischen Entwicklungslogik der Massenproduktion unterworfen und wird wahrscheinlich den Weg der digitalen Auflösung gehen, oder als Teil eines unendlich großen Archivs auf dem Friedhof der toten Medien enden.

Und wie soll mein Ritual der Selbstauflösung aussehen? Was kommt nach dem Neuanfang? „Ich verwandele mich in die Nullform und komme jenseits heraus,“ ruft Malewitsch und versteckt sich hinter seinem schwarzen Quadrat. Wo taucht mein Kopf auf, nachdem ich eines dieser ungewissen Riten der Selbstauflösung vollzogen habe. Wird nicht am Ende doch alles wieder wie vorher sein? Wiener schreibt: „der weg durch die zeiten ist absolviert“. Nach dem Taumeln im Nichts geht es mir vielleicht wie den außerirdischen „Besuchern“ aus der gleichnamigen tschechischen Kinderserie , die sich folgendermaßen ernähren: Sie legen eine Tablette bzw. Kapsel auf einen Suppenteller, die Kapsel verwandelt sich in ein deftiges böhmisches Gericht mit Sauerkraut und Braten, dann in eine Art monochromen Wackelpudding dann wieder zurück in Tablettenform, die schließlich von den Besuchern geschluckt wird.

Erschienen 2005 in: Gendertronics: Der Körper in der elektronischen Musik (edition suhrkamp) ISBN-13: 978-3518123942 Herausgegeben von: Meike Jansen

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