Erster Teil

„Wie auch ein Zugvogel auf seinem Fluge nicht die Landesgrenzen beachtet.“ (Melville)

Das Haus befindet sich auf einem Grundstück auf einer Insel mitten im Nil gegenüber von Gizeh.

Habe gerade keine Lust über Kairo zu schreiben. Wahrscheinlich hat es mir die Frau vom Buchladen vermiest mit ihrer Frage, wie lange ich schon in einem arabischen Land gelebt hätte, um überhaupt darüber schreiben zu können.

„Der Wind, der Wind“, sagt gerade Ariadne – das Himmlische Kind? Der Wind, was kann ich über den Wind schreiben? Der Wind ist über alle Landesgrenzen erhaben? „Der Wind ist über alle Landesgrenzen erhaben!“

Der Wind weht jeden Abend ab einer bestimmten Urzeit, so scheint es. Was Zeiten und Jahreszeiten angeht, so war ich nie eine gute Beobachterin. Es muss dunkel sein, wenn der Wind weht. Er kommt, wenn man vor dem Haus sitzt, aus der Ecke links. Auf dem Dach weht dieser Wind auch. Er hat meine frisch gewaschenen Haare getrocknet. Ich musste gar nichts tun. Gestern war das. Der Tag, an dem wir das Grundstück nicht verlassen haben. Nicht einmal zum Tor bin ich gegangen. Ich habe lediglich mein indisches Gewand angezogen. Damit will ich sagen, ich blieb nicht im Schlafanzug. Ich las sehr viel – mehrere Artikel über Kairo und einen über Migration und Tourismus, dann eine Diplomarbeit über Blickkontakt und soziale Ungleichheit…und schließlich las ich den Schimmelreiter von Theodor Storm. Ich verschlang das Buch, wie man so sagt. Ich lag auf dem Bett unter dem Moskitonetz, das auch Fliegen und Armeisen abhält, und las die Geschichte von Hauke Haien und Elke und dem schwachsinnigen Kind. So steht es geschrieben: „ das Kind…es wird für immer ein Kind bleiben. Oh lieber Gott! Es ist schwachsinnig, ich muss es einmal vor dir sagen.“

In der Geschichte, die von einem Schulmeister erzählt wird, stürmt es. Der Sturm, der Schimmel, die See. Der Sturm peitscht die See und die Menschen in der Geschichte verbinden damit etwas, das sie selbst meint. Das Wetter, der Wind meint sie persönlich, als Gruppe oder auch als Einzelne. Damit der Deich bestehen kann, muss etwas Lebendiges hinein, mit eingedämmt werden – ein Kind. Und wenn das nicht geht – ein Hund tut es auch, ein kleiner Hund.

Der Wind hier auf dem Nil erzählt etwas. Er macht selbst ein Geräusch und trägt die Stimmen vom anderen Ufer der Insel zu mir herüber. Mit Stimmen meine ich auch Musik, Töne, Trommeln zum Beispiel. Eine Trommel war näher als der Rest des Orchesters, oder näher als die ganze Feier, zu der diese Musik gehörte. Am Abend im Dunkeln, als wie gewohnt gefeiert wurde. Eine Verschiebung der Geräusche, die fernen waren nah, die nahen fern. Das Hupen gar nicht zu erwähnen.

Ich bringe meine eigenen Geräusche mit – Junko Ueda – japanisches, scheinbar unrhythmisches Zeug – darüber legt sich sanft der Wind, über den Gesang von Junko Ueda und das punktuelle Seitenschlagen zwischen den Gesängen, deren Worte ich überhaupt nicht verstehe, und die mir doch jetzt näher sind als die belehrenden Reden des Muezzin, der gerade im simplen Aufruf zum Gebet noch mahnend klingt.

Da es viele Stimmen sind, die mich jeden Morgen wecken und die sich abends mit dem Wind schichten, kann und will ich aber nicht von allen Muezzins das gleiche behaupten, dass sie alle gemahnen und mein Herz nicht berühren.

Es gibt da eine Stimme, es ist eine jüngere, die scheint direkt aus einer anderen Welt zu kommen. Sie ist fein und die Worte schwingen so durch sie hindurch. Andere wieder klingen wie die Durchsagen in den Zügen der Deutschen Bundesbahn, sie klingen weder gelernt noch begabt noch beseelt, eher abwesend und komisch. Ich meine da einen arabischen Dialekt durchzuhören. Eben so wie man oft Dialekte bei offiziellen Ankündigungen etwas komisch findet. Obwohl sie das natürlich im Grunde gar nicht sind. Nur weil ich in Hannover aufgewachsen bin empfinde ich das wohl so. Es tut mir leid.

Um fünf Uhr morgens, wenn mich die Muezzins der verschiedenen Minarette dann alle halb geweckt haben, freue ich mich, dass ich danach noch eine Weile schlafen kann. Und ich schlafe tatsächlich jedesmal wieder ein. Und spätestens dann beginne ich zu träumen.

Nun hier der Traum von einer 60 bis 70 jährigen Frau, die mir ihre Wohnung zeigte.

 

So sehen heutzutage die 60 bis 70 jährigen Frauen aus, dachte ich im Traum.

Ich dachte an Claudia Skoda, an die Leute, die früher in den Dschungel in der Nürnbergerstraße gingen, damals im Berlin der frühen achtziger Jahre. Das Publikum trug Selbstgenähtes oder Selbstbestricktes. Weil der Markt noch nicht gemerkt hatte was man so trug, oder weil man es so wollte. Mohair, Farben und Dreiecke, und die auch am Ohr. Die Frau in meinem Traum kam aus dieser Zeit und war ihrem Stil treu geblieben. Stolz zeigte sie mir ihr Badezimmer und was sie aus diesem Raum gemacht hatte. Es war falsch in meinen Augen, denn sie hatte ein Quadrat in zwei Dreiecke verwandelt. Zwei Dreiecke mit zwei spitzen Winkeln! Was soll ich mit zwei spitzen Winkeln anfangen? 45 Grad Ecke, wo gibt es das?

Das Zimmer, das ich hier auf der Insel bewohne hat gar keine Ecken. Es ist rund.

 

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