Bei offenem Fenster liege ich auf dem Bett und höre dem Wind zu. Das Wachwerden dauert Stunden. An der Promenade auf und ab wandeln, fotografieren, aufs Meer starren und sich im Straßencafé von der Sonne blenden lassen. Am Nachmittag übt Jaques Schlagzeug auf einem Gummiring und schläfert mich damit ein. Beim Aufwachen ist es dunkel. Mit einem Glas Wasser spüle ich den Geschmack von Sand aus meinem Mund. Abends essen wir in einer alten Seemannskneipe kleine Tintenfische in scharfer Soße. Die Wände sind hellblau und weiß gestrichen. Überall hängen Bilder von Menschen mit Pferden.

IMG_0325

Wir wohnen bei Thomas und Sonja in einem großen Haus direkt an der Strandpromenade. Vom Balkon aus kann man das Meer sehen. Wind und Sand weht durch die Eingangshalle, die von riesigen Säulen gestützt wird. Bei unserer Ankunft fährt eine Frau in einem der beiden Fahrstühle immer wieder auf und ab. Sie kreischt und schreit, dass man sie umbringen will. Das geht fast jeden Tag so, sagt Thomas. Aus Angst ihr zu begegnen, beschließen wir nur die Treppe zu benutzen.

Im Einwohnermeldeamt stehen wir in der Schlange, um uns registrieren zu lassen. Als wir an die Reihe kommen, weiß ich nichts mehr, weder den Namen der Straße, in der Thomas Haus steht, noch die Hausnummer. Ich sage, wir wohnen am Mittelmeer, das muss reichen. Der Beamte und alle Leute in der Schlange beschwören mich: „Versuche dich zu erinnern!“. Ich erinnere mich an gar nichts, bisher wusste ich nicht mal, dass wir überhaupt eine Hausnummer haben. Jaques macht den Vorschlag, eine Hausnummer zu erfinden. Ich zögere, sage dann aber: „Nummer vierundsechzig?“. Der Beamte gratuliert mir zu meinem wiedergefunden Gedächtnis. Alle Leute in der Schlange freuen sich mit und verabschieden uns froh.

IMG_0950

Wir fahren bis Ramleh, der Endstation der Tram, die auch an unserem Viertel vorbeifährt. Häuser, Geschäfte, Schuhe – in einem griechischen Caféhaus mit grünen Säulen und schwarzer Wandbemalung trinken wir Zitronen-Limonade. Jaques sagt, in Valencia sei alles viel schöner. Jaques fällt auf. Er ist zu groß, zu schmal, zu bleich. Auch ich falle auf, weil ich mit meiner Strickjacke falsch angezogen bin. Auf dem Nachhauseweg werfen Kinder mit Steinen nach uns.

Über uns wohnt ein Ägypter aus Deutschland, der in Alexandria die Gelben Seiten eingeführt hat. Seine Wohnung ist so groß wie unsere und auch ähnlich eingerichtet mit Möbeln aus den dreißiger Jahren. Er lebt allein. Eine Frau kommt zum Saubermachen. Abends sind oft Europäer aus dem Viertel zu Gast. Dann wird Brandy getrunken und die ganze Nacht Risiko gespielt. Das Spiel hat kein Ende, immer wieder wird die Welt neu aufgeteilt.

Wir spazieren die Promenade entlang in Richtung Stadtzentrum. Die Strände sind fast leer. Ab und zu sehen wir ein paar Menschen, die knietief in der Brandung stehen und auf das Meer hinaus schauen. Die Frauen tragen auch im Wasser ihre schwarzen Kleider. Am Hafen liegen kleine Boote auf dem Sand. Es riecht nach Fisch, Benzin und Urin. Eine Horde Schulkinder verfolgt uns bis in die Innenstadt. Wir suchen Schutz in einem der vielen Schuhgeschäfte. Jaques interessiert sich für ein Paar Halbschuhe mit filigranem Lochmuster.

IMG_0959

Sonja und ich sind die einzigen Frauen in der Disko im Cecil Hotel. Die Musik befindet sich auf dem allerneusten Stand und alle Männer sind gute Tänzer. Sonja erzählt von ihrem Saxophonlehrer, der vor Jahren im Cecil in einer Kapelle gespielt hat. Er heißt Mitwalli und ist 71 Jahre alt. Später lernen wir ihn kennen. Er kommt zu uns nach Hause, um Sonja Unterricht zu geben. In erster Linie spielt er Stücke aus seinem alten Repertoire aus der Zeit im Cecil, „Besame Mucho“ und „Begin the Begin“. Mitwalli hat nur noch einen Zahn, der dafür aber sehr lang ist. Vielleicht hat er noch andere Zähne. Man sieht sie nur nicht. Auf alle Fälle ist er ein sehr routinierter Saxophonist. Obwohl Jaques sagt, er würde sich was zurecht blasen, aber er ist in dieser Hinsicht auch sehr genau, besonders, was das Takt halten betrifft.

IMG_1010

Ich kaufe ein gegrilltes Huhn in einem Restaurant an einer belebten Geschäftsstraße. Im Laden nebenan trinke ich einen Granatapfelsaft. Der Verkäufer freut sich, dass ich Arabisch spreche und bittet mich, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Dann führt er mir alle frischen Obstsäfte vor, die er in dieser Jahreszeit im Angebot hat: Guavensaft, Bananensaft, Tamarhindensaft, Mangosaft, Zuckerrohrsaft. Von jedem soll ich ein Gläschen kosten. Es werden immer mehr Säfte. Schließlich nehme ich mein gegrilltes Huhn, bedanke mich und verabschiede mich herzlich. Für den Rest des Tages kann ich nichts mehr essen, und auch am Tag darauf bekomme ich keinen Bissen runter.

IMG_0658

Elena ist aus Kairo zu Besuch. Wir beschließen, ins Kino zu gehen. Es läuft „Indiana Jones – der letzte Kreuzzug“. Am Eingang kauft Elena eine große Tüte mit Sonnenblumenkernen. Das Kino ist mit Dolby Stereo Surround Sound ausgestattet. Während der Vorstellung laufen ständig Getränkeverkäufer durch die Reihen und rufen „Peps“ und „Schwepps“. Die einzelnen Filmszenen werden vom Publikum laut kommentiert. Ich zähle die Toten, die Indianer Jones auf der Suche nach dem Heiligen Gral hinterlässt, während Elena hunderte von Sonnenblumenkernen spaltet.

Advertisements