Die Berge sind Schnee bedeckt. Der Orangenbaum steht noch in Blüte und duftet. Es ist März. Vielleicht sagen manche Leute, die hierher kommen – Ich will mein Leben ändern!  Weil sie sehen, dass zu leben auch anders geht. Doch die Tage sind gezählt. Und es ist schwer zur Ruhe zu kommen. Es will geschehen werden.

Im Schatten der Terrasse du Café sitzt ein Mann. Er trägt ein weißes Hemd, das die Sonne reflektiert. Er schreibt etwas und blickt ab und zu in die Luft. Ich bilde mir ein, einen Künstler, Schriftsteller oder Philosophen vor mir zu haben, einen Mohamed Choukri oder Driss ben Hamed Charhadi. Ich bilde mir ein, dass er im Geschäft seiner Familie aushilft und doch kein Händler sein will. Ich sitze in seiner Nähe und schaue in die andere Richtung, sobald mich sein Blick trifft.

Aber ohne diesen Handel, gäbe es sehr viel weniger Kommunikation und Austausch. So wird jeder, der kurz anhält und sich die Waren anschaut nach Sprache und Herkunft gefragt. Und auch die Händler stellen sich vor.

„Ich bin Berber! und das hier ist Berber-Tee!“

„Und was ist da drin?“

„Ich lade Sie ein!“

Anis, Gummi arabicum, eine Wurzel, die Ginseng heißt, ein Allheilmittel. Der Berber Munzif wirft einen Splitter in die Mischung, ein weißes Mineral.

„Es ist so“, sage ich und nehme einen Schluck Berber-Tee, der nach Eukalyptus schmeckt – „wirklich weit weg zu sein und gleichzeitig im Herzen die Heimat schwer zu tragen – nicht wie einen Anker, sondern wie eine Zugleine, oder wie ein Kleidungsstück, das man nicht ablegen kann. So ist das Gefühl.“

„Aber man kann die Kleider doch waschen.“

„Ohne sie auszuziehen?“

„Ohne sie auszuziehen!“

Man muss nicht immer nackt sein

In diesem Land hat jeder die Weisheit mit Löffeln gefressen. Und auch in allen Ehrungen und Wehrungen ist man dem Europäer überlegen, der diese Tatsache nur selten ertragen mag. Da weigert man sich wie ein Kind, das unbedingt jede Erfahrung selbst durchleben will.

Es gab einmal Behausungen, die tief in die Erde gebaut wurden. Sagt einer der Weisen. Vierzehn Stockwerke tief, nur viel flacher als heutige Zimmer und Etagen. Eines dieser Räume, oder nennen wir sie Höhlen, war noch sehr jung. Es war das Fünfte Element und kam später in der indischen Heilkunde zu Ruhm.

Dank meiner Füße komme ich gut voran. Ich möchte das Fünfte Element in seiner ursprünglichen Form kennenlernen und meine Kleider waschen, ohne sie auszuziehen.

Eine Gasse ist sehr lang und gerade, nicht verwinkelt. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich noch immer auf der Suche nach dem geraden Weg bin! Die Gasse gleicht einem Tunnel ohne Dach. Darinnen bewegen sich Kinder und Jugendliche farbig gekleidet. Manche werfen Steine, aber nicht nach mir. Es gibt tief liegende Mulden oder Eingänge in den Häuserwänden, einen halben Meter hoch, dunkel und kühl. Mein Blick ist der einer Kamera, die langsam und stetig die Gasse abgleitet. Jeder ist ein streng  choreografierter Statist. Am Ende des Tunnels sehe ich zwei Teenager-Mädchen in langen Gewändern, die gerade im Streit auseinander gehen. Eine kommt auf mich zu, während die Andere nach hinten verschwindet. Die Gestalt wird immer größer. Das Mädchen scheint traurig und wütend zu sein. Es trägt ein grau-blaues Gewand und ein rotes Kopftuch. Mutige Farbkombinationen heben sich von den rostroten Wänden ab.

Ich schaue nach links und sehe ein weiteres Mädchen im Hof spielen. Es trägt einen knielangen Faltenrock und Strumpfhosen und ein Kopftuch. Das Mädchen hüpft ganz für sich allein.

Der Tag der Übernahme

Man kann um 9 Uhr abends schlafen gehen und früh mit den Vögeln aufstehen.

Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Doch ich erkenne meine Freunde. Ich habe Zutrauen zu allen, die mich kennen. Man scheint sich darüber einig zu sein, in mir immer dieselbe Person wiederzukennen. Aber ich weiß nichts mehr, weiß nicht mal mehr wie mein eigenes Gesicht aussieht.

Nach dem Mittagessen, alle essen zu Mittag, sitzen die Menschen da oder stehen angelehnt an eine Wand und es ist geruhsam. Seit Tagen habe ich nichts gegessen, das aus einer Schachtel oder Dose kommt. Ich möchte fliehen von diesem schönen Ort mit seinen schönen, freundlichen Menschen. Ich leiste Abbitte, möchte zuhause mein Zimmer putzen, gründlich, die Fenster öffnen, Licht hereinlassen und die Wäsche auf dem Hof in die Sonne hängen.

Die Kette ist gebrochen. Eine Frau kommt aus dem Nichts und hebt die Hand zum Gruß. Sie nennt mich „Schmuckstück“ und verschwindet wieder.

Es gibt viele Geister in dieser Stadt, wie überall, sagt die Ärztin, zu der ich gehe, um meine Haut untersuchen zu lassen. Sie schaut sich nur meine Leberflecke an. Vielleicht hat sie recht, aber ich ich weiß nicht, ob es das ist. Es ist vielmehr die gesteigerte Aufmerksamkeit . Die Augen sind begehrlich und auch die anderen Sinne. Ich will ein Kleid kaufen, das ich so lange tragen kann, bis es von selbst von mir fällt.

Ich frage Frau Doktor nach einem Fluss, in dem ich mich in meinen Kleidern waschen kann.

Was ich noch will

Am Abend hat wieder jemand diesen Sternenhimmelhintergrund mit Ölfarben auf ein gigantisches Leinentuch gemalt. Der Mond liegt wie gewöhnlich auf dem Ohr.

Innerlich stampfe ich mit dem Fuß auf und scheine etwas zu wollen. Aber was will ich?

Meine Freunde sind ein Komiker-Duo geworden, ein sehr geistreiches Komiker-Duo, das mit Temperamenten spielt. Das Duo tauscht geschickt die Rollen. Alle betreiben Rollentausch, Rollentausch und Kleidertausch. Wer in dem Rock eines Anderen steckt, partizipiert an dessen Wesen. Wir sind alle nicht mehr eitel, aber wir verstehen es zu lieben. Gibt es immer noch Geld? Wir wissen, dass unser Gehirn nicht alles ersinnen oder ausdenken kann und daher haben wir Eingebungen. Werbung gibt es nicht mehr, das Wort wird jetzt für etwas anderes benutzt. Die Werber sitzen in einem Rat zusammen mit anderen Menschen, die auch Eingebungen haben.

Das Motiv des Sternenhimmels taucht die Terrasse du Café in ein blaues Licht, gegen das sie sich kräftig mit gelben Glühbirnen zur Wehr setzt. Ich halte nach meinem Philosophen Ausschau. Ich will ihn kennenlernen.

Die widerstandslose Leere

Das Haar ist ganz leicht auf meinem Kopf und alles geschieht gleichzeitig. Ich beiße in Gedanken in ein Gebäckstück mit Linsen und wünsche mir eine angenehme Zeitlosigkeit herbei. Es gibt von nun an keinen Wechsel mehr, nur noch Gleichzeitigkeit. Kein Wechselspiel mehr zwischen laut, leise, gut und schlecht – nein alles geschieht zur selben Zeit und immer zu jeder Zeit. Doch höre, fühle und bemerke ich jeweils nur Ausschnitte aus dieser Gleichzeitigkeit. Es kommt mir immer noch wie ein Hintereinander vor.

Ich schaue auf und und denke, ich muss zehn Jahre geschlafen haben. Obwohl ich ein sehr junges Menschlein bin habe ich schon ein paar weiße Haare über den Kopf verteilt, die silbern schimmern. Mein Haar wächst innerhalb von Tagen, die wie Sekunden vergehen und bald habe ich eine richtige Frisur. Ein Mann taucht auf, es ist nicht der Philosoph. Er spricht nicht viel. Er nimmt ein Stück Metall in den Mund und sagt, dass er mit Kupfer arbeitet. Seine Zähne sehe ich nicht. Das Arbeiten mit Metall erinnert mich an Motorräder und Garagen, in denen Edelstahl in Rohrform herumliegt und angeschraubt werden muss oder geschweißt. Alle Teile sind schwarz verschmutzt und interessieren mich nicht. Sie üben keinen Reiz aus. Trotzdem folge ich dem Mann aus der Metallbranche. Er ist freundlich und voller Liebe.

Ich brauche andere Menschen! nicht nur diese digitalen Visionen in der Stille. Ich schaue mich um und sehe die Wand meiner Küche.

Am Samstag ist es soweit

Der Metallschlucker nimmt mich mit zu einer Bat Mitzwa. Das ist für Mädchen sagt er. In der Synagoge wird ausschließlich hebräisch gesprochen. Ich verstehe kein Wort. Der Metallschlucker hat sich vor der Tür verabschiedet. Er ist ein Tätowierter, er hat Ringe im Gesicht, seine Haut ist bunt und durchlöchert. In der Zukunft sehen die Menschen alle so aus, das weiß ich irgendwie.

Die Zeremonie verläuft planlos. Niemand scheint zu wissen, was als nächstes passiert. Es werden Stellen aus der Tora vorgelesen. Dann wird in aller Seelenruhe entschieden, wer weiter vorlesen darf. Zwei Männer verschwinden hinter einem Vorgang und diskutieren laut. Ich verstehe nicht worüber sie sprechen. Die Zeremonie kommt zum Stillstand. Außer mir scheint das niemanden zu stören. Ich ertappe mich bei dem Wunsch selbst Mittelpunkt einer Zeremonie sein zu wollen. Ich möchte aufstehen und allen eine große Wassertaufe vorschlagen, in Kleidern. Vielleicht wären sie dazu bereit,  aber dann müsste ich der Messias sein und das traue ich mir einfach nicht zu.

Ich verlasse die Synagoge. Draußen erwartet mich das warme Sonnenlicht und der Metallschlucker, das hüpfende Mädchen, der Philosoph, Frau Doktor und Munzif der Berber mit seinem Tee. Es gibt immer noch keine gerade Straße, nur einen großen Platz und den Schatten im Terrasse du Café.

your daughter of commandment

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