Claudia Basrawi

XXL hat Hunger

XXL hat Angst

Abschied von gestern

Martin wohnt in einer anderen Stadt in einem fremden Land. Seine Wohnung hat eine Stahltür. Jemand schlägt mit einem Hammer von außen gegen die Tür, immer wieder, bis sie sich verbiegt. Martin hat Angst. Er öffnet die Tür. Draußen steht die Nachbarin. Sie sagt, dass nach ihr die echten Diebe und Mörder kommen werden. Martin geht zum Telefon und wählt die Nummer 110, aber in dieser Stadt in diesem fremden Land, ist das nicht die Nummer der Polizei. Er bittet die Nachbarin, die Polizei zu rufen, doch sie lacht. Martin sagt, dass die Polizisten, wenn sie in Zivil kommen, doch bitte eine Blume oder eine Zeitschrift in der Hand halten sollen, damit er sie durch den Türspion von den Dieben und Mördern unterscheiden kann.

In Buenos Aires wird Martin von einem Polizeispitzel verfolgt, den er auf lange, ziellose Spaziergänge durch Parallel- und Querstraßen mitnimmt.

Stefan besucht mit seinem Freund Marc eine Insel im Südpazifik. Die beiden werden in eine Hütte eingeladen. Sie kauen Nüsse und tanzen in Ermangelung an Frauen mit ihren männlichen Gastgebern.

Wer sich selbst bemalt, ist gleichzeitig Maler und Skulptur.

Es gibt Eidechsenarten, die allein aus Weibchen bestehen. Sie sind reine Klone und pflanzen sich während der Balz mit ihren Schwestern fort. Dann reiben sie sich rhythmisch aneinander, obwohl das im Prinzip gar nicht nötig wäre.

Bevor Martin nach Buenos Aires gezogen war, hat er in einer Kleinstadt gelebt. Dort gab es keine Etagenwohnungen, Parkhäuser und kein Fernsehen, nur Häuser mit großen Gärten. Es gab auch keine Parallelstraßen. Die Stadt war wie ein Labyrinth, in dem er sich verlieren konnte.Damaskus

Eine Vorstadt bei Nacht mit Hochhäusern und falschen Fassaden mitten in eine endlose Leere gesetzt. Ein Mann läßt seinen Wagen stehen und läuft ein Stück die Landstraße entlang auf die Häuser zu. Autos fahren vorbei und bringen die Bäume zum leuchten. Keines hält an. Eine Frau mit einem durchsichtigen Etwas bekleidet, taucht auf. Der Mann sieht ihre Hüften und ihren Busen, zwischen den Beinen ist eine dunkle Stelle. Dann hört er ihre Stimme. Sie heult wie ein Tier. An einer langen Reihe von Mülltonnen treffen sie aufeinander. Der Mann blickt in das tränenüberströmte Gesicht der Frau. Es sieht aus wie der Mond.

Eine Frau  schminkt sich vor dem Spiegel im Badezimmer. Mit einem Stift umrandet sie ihre Augen. Sie zieht mit dem Finger das Lid herunter und betrachtet ein winziges Loch, aus dem Augenwasser fließt.

Nach der Arbeit im Krankenhaus läuft sie  zur Bushaltestelle. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Morgens hatte sie sich noch gefreut über den Wind und das schillernde Licht.

Erbarmungslos

Alles was sie sah, hielt er für wahr und alles was sie nicht sah, bildete er sich ein.

Seine Fingernägel scheinen locker zu sitzen. Sie sind gelb. Er hat ein schönes Gesicht. Er riecht nach indischem Essen, so als würde er es immer essen, in der Küche stehen, selbst kochen und fritieren, seine Kleidung aber nicht oft waschen und auch seine Haare nicht. Schmutzig sieht er nicht aus, er riecht nur nach Essen. Wenn er den Lesesaal verlassen hat, hängt sein Geruch noch lange in der Luft, erzählt Tanja. Sie findet einen Kassenbon von Aldi, den er als Lesezeichen in einem Buch vergessen hat: Pfannengemüse, Tragetasche, 1 Kilo Äpfel, 1 Stück Ananas, Grillgewürze, 1 Kilo Zucker, Kräuter, 500g Tomaten, Citronin. Tanja kauft alles nach und versucht, daraus etwas indisches zu kochen.

Beim Roulette gewinnt Martin eine fünfstellige Summe, die er in einem unbeobachteten Moment an sich reißt. Dann wird ihm schwindelig und er wacht auf.

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Griff in den Staub

Dem vor fünfundsiebzig Jahren verstorbenen Autor ist es gelungen, trotz seiner Suche nach der verlorenen Zeit, über die Zeit zu triumphieren und unsterblich zu werden.

Sie kennen sich erst seit ein paar Tagen. Er spricht über Wörter, die man vergisst, wenn man sie nie benutzt, wie zum Beispiel „Limonade“ oder „versetzt werden“. Zu ihrer ersten Verabredung war sie nicht gekommen und so konnte er seit langem mal wieder sagen, „sie hat mich versetzt“.

In manchen Vierteln der Altstadt von Damaskus rufen die Männer laut bevor sie eine Gasse betreten, damit die Frauen, die dort leben, Zeit haben, sich zu verhüllen. Manche dieser Frauen rufen laut bevor sie etwas Heißes ins Spülbecken gießen, damit die Wassergeister, die dort leben, Zeit haben, zu verschwinden.

Vera und Tanja sitzen auf dem Balkon und trinken Kaffee. Es ist früh am Morgen, die Sonne scheint. Vera erzählt von ihren Nachbarn auf dem Land: „Einer hat fünf Kinder, die den ganzen Tag Moped fahren. Seine Frau sieht man nie, man könnte glauben, er hätte keine. Er selbst ist an den Beinen tätowiert, Pinupgirls mit den Köpfen nach unten.“ Tanja kennt auch so einen Mann mit Tätowierungen: „Er ist spindeldürr und läßt sich für kleinere Arbeiten mit Bier bezahlen.“

Eine innere Stimme sagt ihm, dass das Leben etwas ganz Großartiges bereit hielte.

Wenn man das Überflüssige weglässt, wird etwas anderes überflüssig.

Istanbul

Alles was sein Interesse weckt versucht sie überzeugend zu widerlegen.

Stefans Bruder hatte mal eine Freundin, die ihm, nach vielen gescheiterten Versuchen gemeinsam zu essen, einen persönlichen Speisezettel überreicht hat. Es war eine sehr kurze Liste, die mit einem Zitat von Eric Satie endete „Ich esse nur weiße Lebensmittel“ und unterzeichnet war mit „Ich auch, Sabine“.

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In Mazedonien ist ein griechischer Dramatiker an einem Hundebiss gestorben. In seinen Stücken geht es immer wieder um das gleiche Thema. Die Charaktere sind auf der Suche nach Glück. Sie haben alle ein genaue Vorstellung von Glück und Gerechtigkeit. Und weil es unmöglich ist, dass jeder das bekommt, was er sich wünscht, sind am Ende alle verwirrt und fühlen sich betrogen und leer. Doch dann tritt eine Gottheit in Erscheinung und bestimmt was weiter geschehen soll.

Am Ende der Nacht beobachtet Rosalie wie sich hunderte kleine weiße Fallschirme am dunkelblauen Himmel öffnen. Obwohl sie sich der Erde nähern, werden sie nicht größer, sondern bleiben klein und weiß. Froh und aufgeregt läuft sie zu einem Freund, der im Café an der Ecke arbeitet und berichtet ihm davon. Die Sonne steht schon am Himmel als die Beiden, auf der Suche nach den Fallschirmspringern, ein weites Feld durchstreifen.

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Nadine besucht eine iranische Familie. Das Familienoberhaupt ist ein etwa fünfundvierzigjähriger Mann, der als Arzt im Krankenhaus arbeitet. Er hat drei Frauen. Die älteste ist vierzig, die mittlere dreißig und die jüngste zwanzig. Alle drei Frauen sind auf ihre Art wunderschön. Das Schöne an ihnen ist, dass sie eigentlich eine Frau sind. Eine Frau, die in drei Körpern gleichzeitig drei Lebensalter lebt. Auch der Mann ist auf seine Art wunderschön, er ist nur eine Person mit nur einem Körper, der all die drei Lebensabschnitte in sich vereint. Die jüngste der drei Frauen schenkt Nadine ein blaues Kleid, in dem sie sich wie ein Schulmädchen fühlt.

Eine innere Stimme riet ihr, die Klappe zu halten und erst einmal abzuwarten, was als nächstes passiert.

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