Dritter Teil

Bitte nicht an irgendwas hängen bleiben wie Millionen Ärmel an Millionen Türklinken.

Ich traue meinen eigenen Erinnerungen nicht, sehe den Fernsehturm von Kairo vor mir. War das wirklich der Ort, an dem man sich traf, um seinen Reisepass zu verkaufen?  Der Burdsch al-Qāhira, dieser wunderbare Turm, Wahrzeichen der Stadt, einst größtes Gebäude von Afrika, architektonischer Leckerbissen, Raum plus Hülle, der Gitterkonstruktion, dieses gewisse Nichts, das dem Turm seine Leichtigkeit verleiht? In Gedanken wische ich sie ab, die Gitterstäbe. Sie sind scharfkantig, riechen nach Flugbenzin und Staub.

Es gibt Menschen, die beim Anblick einer solchen Gitterkonstruktion etwas Zweifelhaftes verspüren, im dunklen Bewusstsein, diese Welt sei nur eine Illusion. Das sagt Ariadne. Sie liebt diesen Turm wie ein Familienmitglied, das alt wird und die Wohnungseinrichtung niemals ändert. Alles bleibt vertraut. Manchmal nimmt sie ein Taxi nach Gezira und streichelt den Staub, der die  Aura des Turms zu verteidigen scheint. Symbolisch, wie sie sagt. Denn der Staub wird niemals fassbar sein. Ariadne ist nicht die Frau und wird es auch nie sein, die die Abende vor dem Fernseher verbringt. Lieber geht sie hinaus und schaut auf den Nil, der direkt vor ihrer Haustür durch sein Flussbett zieht. Es ist das Tor zu einer anderen Welt, sagt sie.

Das Gitter des Fernsehturms wurde einer Lotosblume nachempfunden. In Ägypten gab man den Griechen Lotos zu essen, denn wer die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet hat, denkt nicht mehr an Heimkehr, er will  für immer Lotos pflücken, und der Heimat entsagen.

„Upuzi“ (Blödsinn) ist meine Antwort, eines der wenigen Vokabeln, die ich auf Swahili kenne – außer natürlich „Daktari“. Für mich sieht der Turm wie eine langgezogene Ananas aus!

Ariadne lacht nie, wenn ich so mit ihr spreche. Ich vermeide generell, sie zum Lachen zu bringen. Denn es ist alles in allem eine ernste Angelegenheit. Obwohl meine Erinnerungen nicht belegbar sind, bin ich mir sicher, dass am Fuße des Fernsehturms Reisepässe verkauft wurden. Oder gibt es noch andere Türme in Kairo?

Selbstverständlich war das verboten. Doch schon nach ein paar Tagen, spätestens nach zwei Wochen, fühlte man sich als junger Tourist heimisch in Kairo, auch ohne Lotos zu kosten. Jeder konnte mit jedem ein Gespräch anfangen, überall, auch ohne guten Grund. Hallo, what is your Name, can you eat all this, do you like Chicken? Die Menschen beschenkten sich mit Aufmerksamkeit. Junge Männer begegneten anderen jungen Männern, überhäuften sich gegenseitig mit Fragen, das kam oft vor, es ging um Details. Mit Frauen funktionierte das auch, sie fragten viel und zeigten sich herzlich, aber die Sache mit den Reisepässen, soweit mir bekannt ist, war eine Sache, die die Männer unter sich ausmachten. Warum nur? Einen Pass kaufen und der Heimat entsagen – war das die Idee? Was passierte mit diesen Pässen? Wurden die Fotos ausgewechselt? Ein Ägypter names Ahmad hieß dann plötzlich Rainer? Oder konnte man seinen Namen behalten? Wurden die Pässe tatsächlich zum Reisen genutzt?

In meiner Erinnerung gab es Soldaten mit Maschinengewehren, die den Fernsehturm bewachten. Sandsäcke lagen auf dem Boden.Warum wurden ausgerechnet dort Pässe verkauft? Ein brenzlicher Ort. Bei einem Machtwechsel wäre die sofortige Übernahme des Turms und der Sender erfolgt.  Damals, als Husni Mubarak regierte, die Kuh die lacht „la vache qui rit“, wurde er von vielen Ägyptern genannt. Und es war gut zu wissen, dass der Präsident einen Kopf so groß wie eine Kuh hatte, denn wenn man ihm dann tatsächlich begegnete, war man auf den Schock vorbereitet. Und ich bin ihm begegnet, sogar zweimal.

1984 haben einige Gäste der Pension Oxford ihre Pässe am Fuße des Fernsehturms verkauft.  Daran kann ich mich erinnern. Wie gesagt, ich habe selbst in der Pension Oxford gewohnt, so erfuhr ich überhaupt von diesen und anderen Tauschgeschäften. Da war zum Beispiel Rainer, es gab ihn tatsächlich, den jungen Kölner, der auf seinen Reisen durch Nordafrika in der Pension Oxford Quartier bezogen hatte, um in Kairo ein paar Dinge zu verkaufen, unter anderem auch seinen Pass. Ein Pfund Mariuhana versteckte er in der kaputten Rolladenvorrichtung am Fenster eines Mehrbettzimmers der Pension Oxford, zum Verbrauch, oder um es weiterzuverkaufen. Ich weiß es nicht. Auch nicht warum er mir das alles erzählte, vielleicht wollte er mich beeindrucken. Niemand hatte besonders viel Geld damals, jedenfalls nicht die Menschen, die in der Pension Oxford abstiegen und die Welt bereisten. Eine junge polnische Studentin hatte Wodka mitgebracht und tauschte den für Ledermäntel und Limonen ein, die sie dann in Warschau weiterverkaufte. So konnte sie ihre Reisen finanzieren. Der vermeintliche Verlust oder Diebstahl eines Passes wurde bei der Kairoer Polizei gemeldet, ein Zusatzgeschäft. Die Botschaft stellte dann ein neues Dokument aus, Routine. Dass Reisende bestohlen wurden, war nichts ungewöhnliches, dass Reisende aus Europa kriminell waren, fällt sicher durch das Raster der allgemeinen Voruteils-Statistik.

Ariadne kannte die Pension Oxford in der Talaat Harb Straße in Down Town Kairo. Damals, im Sommer 1984 lebte dort einer ihrer Freunde als Dauergast, der kalt rauchende Sudanese, den auch ich kannte, und der seine Zeit damit verbrachte, auf etwas zu warten und Frauen in seinem Zimmer zu empfangen. Die Frauen, die bei ihm ein und aus gingen, haben viel gelacht. Es war so ein lässiges Lachen.

Die Pension Oxford genoss einen guten und einen schlechten Ruf, sagt Ariadne immer, wenn ich sie auf diese Zeit anspreche und ihr Verhältnis zu dem kalt rauchenden Sudanesen erwähne. Was dem schlechten Ruf voraus ging, weiß sie nicht mehr genau. Es bleiben ihr eher die guten Erinnerungen. Da wurde sehr viel gelacht, sagt sie. Daran erinnere ich mich auch, sage ich. Kann sein, dass Sauberkeit ein Thema war, oder die Kriminellen. Die Touristen in Kairo wurden im Grunde von sich selbst bestohlen! Nehmen wir an, ein junger Mann, so einer wie Rainer, meldet den Verlust seines Passes bei der ägyptischen Polizei, dazu den Diebstahl seiner Reisetasche mit einer teuren Spiegelreflexkamera. Die Versicherung würde zahlen. Rainer reist zurück nach Köln, lebt sein Leben, erzählt ab und zu von Kairo und seinen „kleinen Betrügereien“. Mit der Zeit vergisst er die Details seines Aufenthalts. Vielleicht glaubt er irgendwann, dass er tatsächlich von jemandem bestohlen wurde.

Und der junge Ägypter names Ahmed, was wird aus ihm? Frage ich Ariadne.

Er hat einen deutschen Pass mit einem neuen Foto. Er heißt jetzt auch Rainer, wie der junge Mann aus Köln.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auch Rainer heißt. Dann müsste wenigstens der Nachname Ägyptisch klingen, dafür fänden wir eine Erklärung.

Das alles ist lange her, a long time ago, more than 30 years, noch vor der Zeit der biometrischen Pässe. Wir haben keine Beweise. Zumindest hoffe ich, dass die Reise für Ahmed erfolgreich war. Wenn es ihn je gegeben hat. Er ist irgendwo angekommen mit seinem neuen Pass. Er bewahrt eine Lotosblume darin auf. Die Blume ist ein Geschenk seiner Mutter, eine Mahnung, nie die Heimat zu vergessen. Ahmed hätte die Heimat auch ohne die Blume nicht vergessen. Doch seine 5000 Jahre alte Kulturgeschichte ist im Ausland nicht einen Pfifferling wert. Nachdem ihm niemand wirklich Gehör schenkt und seinen pharaonischen Phantasien kein Erstaunen hervorrufen, schweigt er über seine Heimat, gründet eine Familie, vergisst Kairo, den Lotos und den Turm. Von seinem Enkelkindern wird keines mehr wissen, dass es je eine Pension Oxford gegeben hat. Was bleibt ist eine Gitterkonstruktion, das Gespür für etwas Zweifelhaftes und dieses dunkles Bewusstsein, die Welt sei nur eine Illusion oder falsche Erinnerung.

 

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